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    <title>Tschyses!!</title>
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    <description>// Mein ganz normaler Alltag zwischen Züri und Bern // Jeden Donnerstag eine neue Kolumne //</description>
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    <copyright>© tschyses.ch</copyright>
    <pubDate>Fri, 02 Jan 2009 16:30:28 +0100</pubDate>
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      <title>Die Vierunddreissigste // 02.01.09</title>
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      <description><![CDATA[<p>PROLOG
<br />* * *
<br />Auch Tschyses braucht mal Pause! Meine Kolumne geht in Winterpause. Da die nächsten drei Monate ziemlich stressig zu werden scheinen, fehlt mir schlicht die Zeit, um Woche für Woche was Zufriedenstellendes auf den Punkt zu bringen. Da schreibe ich lieber gar nichts, als was Halbpatziges. Das soll kein endgültiges Ende sein, zirka Mitte April bin ich wieder da. Bis dahin werde ich mich anderen Projekten widmen. Schon recht weit gediehen ist meine Musical-Version von Rambo. Doch bevor ich verstumme, hier noch meine letzte Kolumne dieser ersten Periode. Sie ist etwas länger ausgefallen als üblich und gegliedert in vier Teile. Ganz klassisch halt.</p>

<p>ERSTER TEIL
<br />* * *
<br />Jetzt mal im Ernst: Eigentlich mag ich Ferien nicht so! Nicht, dass ich ein Workaholic wäre, ganz im Gegenteil. Doch die Sehnsucht nach dem Nichtstun ist irgendwie nur im grössten Stress so verlockend. Hat man erst mal zwei, drei Tage nichts getan, entpuppt sich das Nichtstun irgendwie halt doch als wenig prickelnd. Klar mag ich Ferien am Meer. Und ich mag Ferien auf der Skipiste, in einer Pariser Brasserie oder auf den Ramblas. Doch zu Hause komme ich mir einfach so untätig und unnütz vor. Und vor lauter Zeit stechen plötzlich all die Flecken und Ungereimtheiten überall in der Wohnung ins Auge. Bei genauer Betrachtung ist ja eigentlich jedes Schränkchen, jede Schublade, jede Türfalle und jede Gitarrensaite total verdreckt und zugekotzt. (Nein, ich spiele nicht Gitarre. Noch nicht. Doch zu den Vorsätzen später.) Und dann beginnst du mal zu putzen und schon klingelt der Wecker und du sitzt wieder im Zug zur Arbeit. «Was hast du in den Ferien gemacht?» «Geputzt!» Also lieber nicht putzen, kann man ja auch später noch. Frühlingsputz im Winter wäre sowieso pervers. Also lieber nichts tun! Einfach mal nichts tun, die Seele baumeln lassen, nichts müssen, Ferien, herrlich. Nichts müssen? Ja denkste! Da stehen zwei prall gefüllte, blaue Ordner in der Ecke rum. Dazu zwei noch in Zellophanfolie eingeschweisste Bücher. «Strategie und Technik der Werbung». Und irgendwo in der gegenüberliegenden Zimmerecke die wutentbrannt zerknitterte Leseliste dazu. Ich werde doch bestimmt nicht lernen in meinen Ferien! Wäre ja noch schöner! Und wer hatte eigentlich die saudumme Idee mit dieser Werbetexter-Schule? Irgendwie ist dieses Buch an allem schuld. Dieses eine Buch, das ich so grossartig fand. Er ein Werbetexter, sie eine Werbetexterin, cool, Werbetexter! Der Gedanke daran erschien mir ganz entzückend. Immerhin weiss ich jetzt, nach nur zwei Kurstagen, dass die Werbung nichts ist für mich. Geht mir irgendwie überall so. Ich frage mich, wenn ich ins Porno-Business einsteigen würde, ob ich dann Sex auch doof finden würde nach zwei Tagen? Doch jetzt nagt erst mal das schlechte Gewissen allzu lästig beim Nichtstun. Glücklicherweise fand dieses jedoch ein abruptes Ende, als ich erfuhr, dass die gesammelte Scheisse meines Blocks via Parkettboden meines Nachbars in mein Kellerabteil getropft ist. Es gibt mindestens neun Kellerabteile da unten, aber bitte, auf meinen Scheiss kann die Scheisse ja rinnen. Ich neige bei der Schilderung dieses Malheurs notorisch zu übertreiben und was man sich jetzt unglaublich ekelhaft vorstellen könnte, entpuppte sich bei genauerem Hinschauen als gar nicht allzu schlimm. Im Gegenteil, das verstopfte Abflussrohr bot mir eine willkommene Gelegenheit, um erstens dem Lernen zu entfliehen und zweites endlich mal meinen Keller zu räumen. Und weil irgendwie auch meine eigenen Sekrete mit an meinen Sachen hingen, konnte ich gar nicht so richtig über die anderen Schweinehunde fluchen. Auf alle Fälle ist mein Keller jetzt 40 Kilogramm leichter. Vorausgesetzt, ein Keller hat ein Gewicht. Und als ich den Abfall in die Kehrichtverbrennung brachte, wog das Auto meines Vaters, zusammen mit mir in eher schwerer Kleidung, zusammen mit 40 Kilo Abfall, zusammen mit noch nicht ganz getrockneter Pisse hier und dort im Karton exakt 1'500 Kilo. Aufs Loch! Leider hat das sonst niemand bemerkt. Und es gab nicht mal einen Blumenstrauss und in der Zeitung ist am nächsten Tag auch nicht darüber berichtet worden. Ich fand’s dennoch ein bisschen schön.</p>

<p>ZWEITER TEIL
<br />* * *
<br />Es gibt einen Laden, in dem ich unweigerlich in einen ekstatischen Kaufrausch gerate. Man würde mir das vielleicht gar nicht geben, aber im Do-it gibt es bei mir kein Halten mehr! Man weiss ja wirklich nie, wann man mal froh über einen Winkelschleifer wäre. Oder eine A2-Schneidmaschine. Eine Kompost-Plane, drehbare Gummi-Räder, Absperrband, ein Notstromgenerator, ein Schweissgerät, Angelleine, eine Betonschaufel oder eine Garten-Sauna. Zugegeben, ich brauche diese Dinge nicht in unmittelbarer Zukunft. Doch man weiss halt nie! Und ich sage Ihnen dies jetzt im Vertrauen: Ich bin der verkappte Heimwerkerkönig! Leider passiert mir aber im Do-it immer dasselbe Missgeschick. Ich denke, ich brauche ja bloss ein kleines Weinregal. Gehört schliesslich zum Erwachsenwerden dazu. Zuerst machst du die Autoprüfung, dann kaufst du dir ein Weinregal und schliesslich wählst du FDP. Die normale Entwicklung. Ich bin also im Stadium Weinregal. Kannst du ja locker tragen, denke ich und gehe zielgerichtet an den Einkaufswagen vorüber, ohne ihnen überhaupt Beachtung zu schenken. Doch ich komme noch nicht mal zu den Abfluss-Entstopfungs-Werkzeugen, schon bleibe ich in der Papeterie-Abteilung hängen. Beim Eingang gleich rechts. C6-Couverts, 200 Stück. Klar, braucht man immer! C5-Couverts mit Fenster rechts? Super, sieht immer so professionell aus. Besonders, wenn man die Adresse mit Computer anschreibt. Ich gehe weiter. Super-Magnete? Gekauft. Von der NASA entwickelte nano-technologische Möbel-Untersätzli für jeden Bodenbelag. Endlich widmet sich die NASA mal den wichtigen Dingen des Lebens; brauch ich! Ich habe nämlich kürzlich bemerkt, dass die 7-Franken-IKEA-Stühle meinen Parkett komplett ruiniert haben – trotz Filz-Gleiterli. Ist ja überall so: Man bemerkt den Schaden immer erst, wenn’s völlig am Arsch ist. Doch nie bemerkt man Unheil im Moment der Entstehung. Ein Dilemma. Doch das passiert mir jetzt mit den Nano-Gleiterli garantiert nicht mehr. Oder haben Sie mal in einem Space Shuttle einen zerkratzten Parkett gesehen? Na eben! Endlich bin ich bei den Weinregalen angelangt, da bemerke ich, dass ich zwar noch knapp das preisreduzierte singende WC-Bürsteli tragen kann, doch für das Weinregal reicht meine Muskelkraft nun wirklich nicht mehr. Und in genau diesem Moment denke ich immer – bei wirklich JEDEM Einkauf –, dass der Coop ein ganz hinterhältiger und fieser Laden ist. Denn natürlich gibt es im Do-it DRIN weit und breit keine Einkaufswagen zum Holen. Nein, die stehen natürlich DRAUSSEN, also HINTER der Kasse. Mir bleibt nichts anderes übrig, als all meine Sachen wieder in die Regale zurückzustellen, mich an der Kasse durchzuquetschen, draussen zu bemerken, dass ich kein Münz habe, am Info-Schalter anzustehen und zu warten, bis die alte Frau ihr Bügeleisen gegen einen Dampfduschkopf eingetauscht hat, die Zehnernote gegen Münz zu wechseln, ein Wägeli zu holen, zu bemerken, dass das linke Vorderrad blockiert ist, leider zu spät, so dass ich mich erst in aller Form beim betagten Rentner entschuldigen muss, dass ich in seine Gehhilfe gedonnnert bin, bevor ich endlich meinen Einkauf wieder von vorne beginnen kann. Jedes Mal, ich lerne es nie!</p>

<p>DRITTER TEIL
<br />* * *
<br />Ich studierte die Schmiererei an meinen Fensterscheiben und überlegte mir ernsthaft eine Sekunde oder zwei, ob ich vielleicht die Fenster putzen sollte. Doch dann drückte Gott sei Dank die Sonne durch. Und bei Sonnenschein putze nie die Fenster! Weiss ja jedes Kind. Nur ich wusste diese eiserne Regel leider noch nicht, als ich vor zwei Jahren das letzte Mal meine Scheiben putzte. Seither sind sie verschmiert wie blöd. Doch wie lange werde ich wohl noch in dieser Wohnung leben? Ein Jahr, vielleicht zwei. Da lohnt es sich ja echt nicht mehr, die Schmiererei noch zu beseitigen. Also ging ich in den Starbucks. Ich frage mich, ob der Notenschnitt an den Schulen gestiegen ist, seit es Starbucks gibt. Denn plötzlich ist Lernen grausam trendy. «Weisch mer hänges grad em Starbucks ond send chli am lerne!» Früher wäre man als Streber gekreuzigt worden, heute ist man grausam cool damit! Vielleicht sind auch einfach nur die Kindergeburten gestiegen, weil man eigentlich gar nicht lernen geht, sondern bloss mit der geilen Streberin im Sessel gegenüber flirten will. Gilt natürlich nicht für mich, ich wollte bloss mal wieder lesen, ohne bei jedem Kopfheben mit dem Dreck in meiner Wohnung konfrontiert zu werden. Mal wieder lesen. Seit dem Sommer und seit Connie Lubek boykottierte ich die Bücherwelt, weil ich einfache keine Lust mehr hatte auf Bücher. So wie man nach einem Amarone den Dôle höchstens noch fürs Pot-au-Feu oder allenfalls zum Basteln brauchen will. Klar, das Buch war keine grosse Literatur. Aber einfach verdammt gut! Jetzt habe ich’s mal mit Michèle Rotens gesammeltem Werk probiert. Immerhin kommen dort teilweise dieselben Sätze vor wie bei Lubek. Einfach in anderen Worten. Kein deliziöser Rotwein zwar, aber doch zu schade, um damit Tulpenblätter zu massieren. Ich weiss nicht, ob man das macht, klingt für mich aber nicht viel bescheuerter, als irgendwelche Rinder mit Bier zu bürsten. Ich sass also gemütlich im Starbucks. Übliches Publikum. Frauen in Leggings und Stiefeln, die entweder lesen oder auf ihren Freund warten. Frauen in knallengen Jeans und Sneakers, die über Kolleginnen lästern und pro Minute dreimal ihr Handy checken. Der Nerd in verwaschenen Jeans, der einen Film auf seinem Acer-Laptop schaut und dabei immer auflacht wie ein kastriertes Wollschwein, wenn mal wieder was Lustiges passiert im Film. Vermutlich Scary Movie 5 – bereits heruntergeladen, noch bevor der Film überhaupt gedreht wurde. Der gutfrisierte, betont leger gekleidete Typ in Leder-Converse, der auf seinem Apple-Notebook irgendeine Master-, Liz- oder Semester-Arbeit töggelt. Und dann – natürlich – die Frau mit absichtlich hässlicher Brille. So eine gibt’s immer! Ganz egal, ob im Starbucks oder in Grosis Tea Room, eine Frau mit betont hässlicher Brille sitzt immer da. Egal, ob am Morgen oder nach Mitternacht. Immer. Denn es ist zur Zeit grausam en vogue: «Hey schaut, ich trage eine hässliche Brille, ich bin dammi anti-cool!» Zumindest bist du unglaublich ehrgeizig, da man wahrlich sehr weit zurückgehen muss mit der Zeitmaschine, um eine derart hässliche Brille auszugraben. Diese Brillen sind so hässlich, dagegen sah Haider nach seinem Autounfall aus wie frisch geduscht! Frauen mit absichtlich hässlichen Brillen machen mich aggressiv. Und es gibt nur wenige Situationen, in denen ich ausrasten könnte. Wenn ich Neonazis sehe vielleicht. Oder wenn das Zürcher S-Bahn-Netz wegen zwei Zentimeter Neuschnee kollabiert. Wenn Toni Brunner nach gewonnener Abstimmung so fröhlich grinst. Oder wenn mich zwei halbtote Wachturm-Missionare am Samstag Morgen um neun Uhr aus dem Bett klingeln. Ja, dann raste ich aus. Nur dann. Und eben, wenn Frauen mit voller Absicht hässliche Brillen tragen. Besucht doch einen Sprachkurs für Hindustani oder kocht nur noch nach alt-mikronesischer Art, wenn ihr individuell sein wollt. Das macht sonst ja auch keine Sau und ihr quält damit zumindest nicht meine Netzhaut. Vermutlich behalten sie diese Brillen sogar beim Sex auf und beharren auf Stellungen, die ihre individuelle, herausragende Position in der Gesellschaft nicht kompromittieren. Vielleicht gehen sie auch ab wie Gina Wild, wer weiss.</p>

<p>VIERTER TEIL
<br />* * *
<br />Kürzlich wurde mir eine Publikation über Videoarbeiten zugeschickt, in der auch ich mit einer Arbeit vertreten bin. Arbeit ist vielleicht das falsche Wort, aber Werk trifft es noch weniger. Herausgegeben wurde das Buch unter anderem von Martin Heller. Man könnte also sagen: ein wichtiges Buch! Meine Arbeit ist auf dem ausklappbaren Buchumschlag abgebildet: 1.89 Quadratzentimeter gross. Im Buch selber wird sie nicht weiter beschrieben. Der Index zum Schluss des Buches birgt meine ausführliche, jedoch nicht ganz aktuelle Biografie auf 10.725 Quadratzentimetern und gibt die technischen Daten zum Film auf 7.84 Quadratzentimetern wieder. Das ganze Buch umfasst 108'240 Quadratzentimeter, verteilt auf 328 Seiten. Meine Bedeutung innerhalb der Schweizer Videokunst kann man folglich exakt beziffern: 0.0189 Prozent. Oder anders ausgedrückt: Kein Weg führt an mir und meiner Kunst vorbei. Ecce artifex! Ich hasse übrigens das Brummen meiner Stereoanlage, welches sie von sich gibt, wenn gerade keine Musik aus den Boxen quillt. Hängt noch der Drucker an derselben Steckleiste, dann wähnt man sich in einer Trafostation oder in sonstiger krebserregender Umgebung. Das ist Elektrosmog erfahrbar gemacht für Dummies. Ich nerve mich tierisch ab diesem Summen, bin aber bisweilen doch zu faul, um einfach eine neue CD einzulegen. Ist ja auch immer so eine Sache mit CDs, weil eigentlich hat man sowieso nur selten im IKEA-Benno stehen, worauf man im Moment grad eine Mordslust hätte, es zu hören. Jetzt hätte ich nämlich Lust auf Hip-Hop. Der jedoch nicht so klingt wie alle Hip-Hop-Scheiben, die in meinem Benno rumstehen. Es müsste irgendwie komplett anders stampfen und vibrieren. Oder einfach mal wieder guten Pop, der so süffig daher kommt wie dieser Amarone, den wir an meinem Geburtstag hatten. Pop, der sich deliziös in der Magengegend ausbreitet, wie ein Stück Brombeerquarktorte. Doch ich habe lediglich Pop im Regal, der nach Gin Tonic schmeckt, jedoch mit Citro angemischt, oder Pop, der überall kleben bleibt wie ein halb zerschmolzenes Carambar. Kürzlich habe ich mir die erste Klassik-CD im iTunes-Store gekauft. Ich kam mir ziemlich pervers vor. Klassik mit 128 Kilobits! Ich Banause, genauso gut könnte ich einen Dacia-Motor in einen Testarossa pflanzen. Gleichzeitig kam ich mir aber auch sehr erwachsen vor. Doch im Moment habe ich keine Lust auf Klassik. Ich werde also noch eine Weile das Brummen erdulden. Gestern las ich von einem zum Tode Verurteilten (also wie Puff Daddy in «Monster’s Ball» – damit wir alle ein Bild vor Augen haben). Sein Gnadengesuch wurde vom Gouverneur abgelehnt und so setzte man ihm gerade die Giftspritze, da sprach er noch rasch seine letzten Worte: «Richten Sie dem Gouverneur aus, er hat soeben meine Stimme verloren!» Das sind vielleicht gelungene letzte Worte, richtig beneidenswert! Es ist nämlich extrem schwierig, man unterschätzt dies bestimmt zu Lebzeiten. Passende Worte zu finden, die der vollumfänglichen Bedeutung dieser Situation gerecht werden. «Eine Runde Freibier für alle!» fände ich zum Beispiel einen ganz tollen Spruch. Der letzte von Haider ist auch ganz gut: «Jawoll, der Jörgel überholt euch alle rechts!» Der zum Tode verurteilte Häftling hatte natürlich einen nicht zu unterschätzenden Vorteil: Er konnte seinen letzten Satz ziemlich präzise timen. Denn was, wenn ich eine Runde Freibier ausgebe und dann lebe ich noch zwei Tage? Irgendwie doof. Man kann es natürlich knallhart durchziehen und einfach zwei Tage lang schweigen. Aber irgendwie will man halt immer auch das letzte Wort haben, so muss man sich dann wohl doch was Neues einfallen lassen. Das Freibier zu toppen, wird allerdings eine ziemliche Herausforderung. Die eher esoterisch Veranlagten könnten natürlich auch sagen: «Je ne regrette rien!» Allenfalls müsste man das der Korrektheit halber noch einschränken und sagen: «Ich bereue nichts – ab dem Jahr 2000-soundsoviel.» Oder wenigstens: «Ich bereue nichts im Zeitraum von 2000-soundsoviel bis 2000-soundsoviel.» Leben ja längst nicht alle wie die Engel. Dürfen Häftlinge eigentlich auch wählen und abstimmen? Wäre ja noch wichtig, gerade im Hinblick auf die Ausweitung der Personenfreizügigkeit. Weil ich als Häftling hätte also grad gar keinen Bock darauf, dass mir irgendwelche Rumänen oder Bulgaren den Platz am Ping-Pong-Tisch streitig machen! Es wird einem ja sonst nichts gegönnt im Knast.</p>

<p>EPILOG
<br />* * *
<br />2009 – ein neues Jahr also. Ich bin heilfroh, habe ich Silvester überstanden. Denn ich mag diesen Tag nicht. Klar, er hat ohne Zweifel auch Schönes hervorgebracht. Doch mir ist die Bedeutung irgendwie suspekt. Wieso soll plötzlich klappen, was im vorausgegangenen Jahr nicht hingehauen hat? Vorsätze sind irgendwie infantil. Ottfried Fischer will abnehmen und Roland Nef seine Partnerin nicht mehr als Hure beschimpfen. Meine Vorsätze? Ich will schneller abwaschen, damit mir mehr Zeit zum Fernsehen bleibt. Ich will im Zug nur noch vorwärts fahren, damit ich im Leben weniger zurückblicke. Ich will Musiker werden, damit die Schweiz endlich mal wieder den European Song Contest gewinnt. Und ich will mehr Sex! Kann man das überhaupt beeinflussen? Ohne dafür bezahlen zu müssen, natürlich. Dort weiss man ja sowieso nie, ob nicht Roland Nef schon mal drüber ist. Die Quersumme von 2009 ist 11 und die Quersumme davon ist 2. Die Zwei steht für Dualität, für den Kampf von Gut und Böse, man weiss das Oben nicht zu schätzen, ohne das Unten erlebt zu haben. Oder in den (leicht abgeänderten) Worten von Jaguar Wright: «Same shit, different year!» Aber es gibt auch Hoffnung, denn ist Ihnen schon aufgefallen, dass Track Nummer 9 auf CDs immer die schönste Ballade ist? 2009 wird also ein romantisches und glückseliges Jahr! Und Kopf hoch Herr Nef, Männer zu ficken finden weite Teile dieses Landes gar nicht so schlimm!</p>

<p>__________________</p>

<p>© 2008 <a href="http://www.tschyses.ch/" target="_blank">tschyses.ch</a>
<br />__________________</p>]]></description>
      <pubDate>Fri, 02 Jan 2009 16:28:29 +0100</pubDate>
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      <title>Die Dreiunddreissigste // 05.12.08</title>
      <link>http://www.tschyses.ch/</link>
      <description><![CDATA[<p>Unlängst kriegte ich zufällig einen Prospekt für iPod-Zubehör in die Finger. Ich blätterte die Seiten durch und stiess schliesslich auf ein längst überfälliges Produkt. Überfällig zumindest für alle iPhone-User und Musik-Afinados. Wovon ich höchstens letzteres bin. Denn wer schon mal versucht hat, seinen fetten DJ-Kopfhörer in das kleine Wunderding (unter Obsthändlern anerkanntes Synonym für iPhone) zu stecken, der erlebt sein blaues Wunder. Denn der Stecker passt partout nicht in die Buchse. Nicht, dass Stecker und Öse im Durchmesser nicht kompatibel wären. Nein, da herrscht grosse Harmonie. Doch das Ding ist einfach zu kurz. Wie fest man auch drückt und murkst, der Stecker rastet nicht ein. Wunderbar! So konnte man bis anhin lediglich mit dem mitgelieferten Billig-Kopfhörer Musik hören. Denn Apple hat den Längeren. Macht zwar sowieso nichts, wir leben ja in einer Welt, in der Musik mit 128 bis 192 Kilobits pro Sekunde dahinscheppert. Apples iTunes-Store re-etablierte hier die lausigen 128 Kilobits, während sich in jeder Tauschbörse schon Jahre zuvor immerhin 192 Kilobits als Standart durchgesetzt hatten. Hier könnte uns ein anständiger Kopfhörer immerhin so was wie Qualität (oder gar Hörgenuss) vorgaukeln. Doch daraus wird nichts, in die Buchse kommt nur, was direkt von Apple stammt. Die Strategie dahinter ist so gerissen wie einfach zu durchschauen. Die Kopfhörer von Apple stechen dank ihrem unverkennbaren Weiss aus jeder Menschenmenge heraus. Jeder iPhoner und jede iPodderin werden umgehend zu Werbeträgern von Steve Jobs Firma. Ein dichtes Netz von wandelnden Reklameschildern überzieht den Planeten (und vielleicht sogar die Ozeane). Überaus praktisch! Was sonst Milliarden an Werbegeldern verschlingen würde, erreicht Apple durch das Erweitern der weltweit üblichen Klinken-Länge. Es überrascht auch wenig, dass in iPod-Inseraten die Kopfhörer das eigentlich dominierende Element der Grafik sind. Doch jetzt wird also alles anders! Neu kommen auch anspruchsvolle Ohren auf ihre Kosten – werden zuvor allerdings noch kurz zur Kasse gebeten. Neun Euro und neunundneunzig Cent kostet der praktische Klinken-Adapter, womit Apple nun auch Sony, Panasonic oder Sennheiser an seine Öse lässt. Man kann Apple als Computerhersteller noch so hochschätzen, doch dieser kleine Stecker-Adapter bringt die gesamte Firmenpolitik von Apple auf den Punkt und entblösst die hässliche, mafiöse Fratze der Mostpresser aus Kalifornien. So banal, dass es nicht mal eine Bauernweisheit ist: Ein angebissener Apfel fault früher oder später und stinkt! (Sage ich und tippe diese Kolumne halt doch auf meinem chicen MacBook... ach, quelle élégance!)</p>

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<p>© 2008 <a href="http://www.tschyses.ch/" target="_blank">tschyses.ch</a>
<br />__________________</p>]]></description>
      <pubDate>Fri, 05 Dec 2008 00:01:47 +0100</pubDate>
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    <item>
      <title>Die Zweiunddreissigste // 28.11.08</title>
      <link>http://www.tschyses.ch/</link>
      <description><![CDATA[<p>Diese Woche wagen wir ein Experiment. Ermutigt von letzter Woche, untersuchen wir heute, ob sich der Rod Stewart-Effekt auch auf andere Musik übertragen lässt. 36 Minuten und 20 Sekunden. Sophie Zelmani, meine vielleicht kürzeste CD. Ich bin schon mitten in Track 1. Nur noch neuneinhalb weitere Songs. Na dann los!</p><p>Heute Abend verpasste ich meine S-Bahn und da ich zurzeit ziemlich lauffaul bin, liess ich zwei weitere S-Bahnen ausfallen und wartete auf die drittnächste. Denn wer will schon in Zürich auf Gleis 53 ankommen? Ich habe auf die Uhr gekuckt, man läuft rund fünf Minuten von diesen fast in den Aargau zurückversetzten Geleisen, bis man endlich in der grossen Bahnhofshalle angekommen ist. Eine Dauer also, während der man wohl 50 Prozent aller Schweizer Dörfer durchquert hätte. Zu Fuss natürlich. Also wartete ich in der eisigen Kälte, bis mal wieder eine vernünftige S-Bahn einfuhr mit Halt im Untergeschoss des Hauptbahnhofs. Dann kamen zwei junge Frauen daher, die eine litt unter unheilbarem Redefluss. Sie absolvierte gerade einen wissenschaftlichen Test, in dem sie für 25 Franken pro Stunde Games testen musste. Nebenbei erwähnte sie, dass sie sich überhaupt nicht für so n’ Scheiss interessiere und dass ihr Lieblingsspiel Minesweeper sei. Hach, Minesweeper! Zusammen mit Solitaire innerhalb der Gamewelt wohl so was wie Adam und Eva. Oder noch weiter zurück: Chronos und Gaia! Wem diese Namen nichts sagen: Seid froh! Verdammt froh sogar! Denn diese Namen zu kennen, bedeutet, vier oder noch mehr Jahre im Lateinunterricht gelitten zu haben! Ich sass also am Bahnhof Oerlikon und wartete elf Minuten auf die nächste S-Bahn. Elf Minuten, in denen ich von besagtem Redefluss übergossen und schier ertränkt wurde. Es war kaum zum Aushalten, doch das nächste Bänkli gut zwanzig Schritte entfernt. Und wie gesagt, ich war ein bisschen lauffaul! Also ergab ich mich meinem Schicksal. Dies führte nun leider dazu, dass ich in der Folge nicht umhin kam, mir selber zuzuhören, wie ich einem Kollegen, den ich später zufällig im Zug traf, von meinem Leben nach dem Studium berichtete. Was ich so mache und anstelle. Dies ist eine Geschichte, wie ich sie wohl in den letzten Wochen etwa ein Dutzend Mal erzählt habe. Aber man wechselt innerhalb von wenigen Wochen ja auch eher selten Beruf, Leben und Lieblings-CD. Und es ist ja auch kein Zufall, dass man vor allem im Zug immer mal wieder alte, neue, gute, schlechte, enge und flüchtige Freunde trifft. Also erzählt man diese Geschichte besonders häufig im Zug. Ausser man würde Auto fahren. Vielleicht beginnt man dann aber zu singen. Was gibt es Überraschenderes, Grossartigeres und Peinlicheres, als den gleichen Song, den man selber gerade am Singen ist, im entgegenkommenden Auto lippenzulesen. Ob man anhand meiner Lippen wohl schon erkennen kann, wie schlecht ich singe? Wobei: Niemand singt schlecht, singen können alle! Einer dieser lieben, netten Sätze, um die ich unglaublich dankbar bin. Wie es ja auch ausschliesslich auf die inneren Werte drauf ankommt. Vielleicht beim Kuchen, ja! Und da man ja immer mehr oder weniger zur selben Zeit im selben Zug und sogar im selben Wagen sitzt, sitzen einem auch immer mehr oder weniger dieselben Köpfe gegenüber. Auch wenn man sich bei gewissen Gegenübern weniger auf die Köpfe konzentriert. Das bedeutet also: Es gibt ein paar ganz arme Siechen, die mussten sich die immer gleiche Geschichte von diesem nervigen Stotter-Fritzen schon zig Mal anhören. Gott bewahre! Ich werde mich gleich morgen in aller Form entschuldigen!</p>

<p>__________________</p>

<p>© 2008 <a href="http://www.tschyses.ch/" target="_blank">tschyses.ch</a>
<br />__________________</p>]]></description>
      <pubDate>Fri, 28 Nov 2008 00:01:29 +0100</pubDate>
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    <item>
      <title>Die Einunddreissigste // 21.11.08</title>
      <link>http://www.tschyses.ch/</link>
      <description><![CDATA[<p>73:52. So lange dauert das Album «If We Fall In Love Tonight» von Rod Stewart. Ich hörte diese CD früher häufig. Besonders dann, wenn ich Arbeiten für die Schule oder später Filmkritiken schreiben musste, mir jedoch jeder Gedanke bereits im Ansatz abschmierte. Rod half Wunder. Kaum zirkelte die silberne Scheibe über den Laserkopf, fiel mir das Schreiben ein Stück leichter. Wort fügte sich an Wort und Satz an Satz. Es gibt wenige CDs in meinem Regal, denen ein derart grosser Verdienst zukommt. Deshalb: Danke Rod! Andererseits ist diese CD auch eine der wenigen in meinem Besitz, die sich nicht mit irgendwelchen Erinnerungen vollgesaugt hat. Schwammscheiben besitze ich sonst nämlich etliche. Zum Beispiel die Fugees, Maxwell sowieso, sogar Puff Daddy oder etwa Tina Dickow. Es ist nicht so, dass ich die Rod Stewart-Scheibe enorm lieben würde. Sie ist etwas gar sülzig und das Keyboard klingt allzu sehr nach «Wetten dass...?». Aber die einen trinken Schlangenblut, wenn ihre Potenz nachlässt und die andern glauben eben an die wundersame Wirkung von schwülstiger Musik. Und vielleicht klappt ja auch heute, was früher stets gelang. Eine neue Kolumne muss her, doch die zündende Idee bleibt aus. Denn es ist ja nicht so, dass ich jede Woche irrsinnig komische Episoden erleben würde. Also hab’ ich jetzt mal den Stewart in den CD-Player gequetscht, damit sollte alles gut kommen! In 73 Minuten und 52 Sekunden zu einer Kolumne. Unterdessen bin ich bei Track 7. Noch neun weitere folgen. Ich tu mir nun doch ein bisschen leid, ich habe die CD schon länger nicht mehr gehört. Und weiss jetzt auch weshalb.</p><p>Heute sass ich in der Kantine des Schweizer Fernsehens. Die Köche sind dort mit CulinAir angeschrieben. Zumindest waren sie das ein einem Tag. Vielleicht war das aber auch Tyler Brûlés Geburtstag und er durfte für gutes Sackgeld ein neues Ideechen umsetzen. Gibt es überhaupt einen Diminutiv für Idee? Vermutlich braucht es diesen gar nicht. Denn nur wer eine grosse (ja, eine grossartige!) Idee hatte, hält Einzug in die Wissenschaft. Kleine Ideechen sind selten der Rede Wert, deshalb braucht es auch kein Wort dafür. Dabei soll mal einer behaupten, es wäre eine grosse Idee gewesen, schwarze Socken im Abo anzubieten. Trivial. Verdammt trivial! Doch damit macht man Geld. Eigentlich sind sich Kunst und Wirtschaft gar nicht so fremd. Besuchen Sie mal ein Kunsthaus (nein, Sie müssen nicht! Aber bitte immerhin in Gedanken, ja?). Einer der häufigsten Sätze, die Sie dort hören – ausser natürlich Seufzer der Langeweile –, ist wohl dieser: «Das könnte ich aber auch!» Ein schwarzes Quadrat auf weissem Grund: Trivial! Gelbe, rote, blaue Rechtecke mit schwarzen Linien: Habe ich schon in der Primarschule gemalt! Ein paar Pinselstriche auf der Leinwand: Down-Syndrom? In der Wirtschaft funktioniert es doch ähnlich. Sockenabo, Pappkarton für heisse Kaffeebecher, Community-Website, rote Autos zum Mieten: Success! Komplizierte Konglomerate und Shareholder-Konstrukte, wo die linke Hand gar nie wusste, dass es überhaupt eine rechte Hand gibt: Failure! Eine Analogie in der Kunst fällt mir jetzt leider keine passende ein. Ich hätte gerne zum Ausdruck gebracht, dass ich Rolfs Zirkuslöwen ziemlich unsexy finde. Aber diesen Rank kriege ich nun wirklich nicht. Ein Highlight in dieser Woche übrigens auch Sohn Gregory Knie im Radioquiz von DRS 3. In acht Fragen sieben Mal «Öhm...» und «Weiter!», die einzige tatsächliche Antwort dann: Leider falsch! Wer Tiere und Artisten dressieren kann, ist also noch lange nicht Herr über seine Hirnzellen. Melanie Winiger tat gut daran, von Mallorca zu fliehen. Ob der rappende Isländer allerdings viel mehr in der Birne hat, sei dahingestellt. Immerhin prägte er die Schweizer Kultur nachhaltig mit seinen Versen. Früher dachte man bei Schweizer Literatur an «Ich bin nicht Stiller!». Heute denkt man: «Fuck Blocher!» Viel frischer, würde ich meinen. </p><p>Lied 15. Nur noch eines übrig. Was ich eigentlich noch sagen wollte im Zusammenhang mit dem Schweizer Fernsehen: Wir sassen zum Essen gleich neben dem Kiosk. Ein richtiger Kiosk. Mit Zeitungen, mit Kinderüberraschungseiern, mit Zigaretten und mit Kaugummis. Ich kaute an meinen Älplermakronen und studierte die Zeitschriften drüben im Kiosk. Da fragte ich mich: Verkaufen die wohl viele der zahlreichen Sexheftli im Angebot? Man stelle sich mal vor: Matthias Hüppi kauft das Cherry und moderiert danach das Sportpanorama. «Simon Amman, ich habe kürzlich gelesen, Sie setzen sich die Latte immer enorm hoch...»</p><p>CD fertig.</p>

<p>__________________</p>

<p>© 2008 <a href="http://www.tschyses.ch/" target="_blank">tschyses.ch</a>
<br />__________________</p>]]></description>
      <pubDate>Fri, 21 Nov 2008 00:01:57 +0100</pubDate>
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    <item>
      <title>Die Dreissigste // 14.11.08</title>
      <link>http://www.tschyses.ch/</link>
      <description><![CDATA[<p>--- --- ---
<br />Neu erscheint meine Kolumne (wie bereits jetzt üblich – mit ein paar Ausnahmen notabene, wie zum Beispiel diese Woche...) am Freitag statt donnerstags.
<br />--- --- ---</p>

<p>Der Kopf scheint eingespannt zwischen Schraubzwingen, du bemerkst, dass du noch in den Kleidern auf dem Bett liegst und das Licht nie gelöscht hast. Dann meldet sich der Magen und du rennst. Guten Morgen, heute hast du den Zonk gezogen! Es gibt wahrlich wenige Gefühle, die sich ähnlich unangenehm anfühlen. Du weisst, der Rest vom Tag ist dahin, denn das ist ein Kater, ein verdammter Mordskater! Hier die drei schlimmsten Kater meines Lebens:</p>

<p>Für alle Zeit unangefochten auf Platz eins steht mein mexikanischer City-Kater. Meine ersten Tage in Mexiko, in einer günstigen, dem Luxus wenig verbundenen Jugendherberge, dafür direkt neben dem Regierungspalast von Mexico City gelegen. An diesem Abend ging ich zum ersten Mal rauf aufs Dach, um ein Bier zu trinken, nachdem ich die Abende zuvor jeweils im Zimmer mit Vokabeln lernen und Schlafmanko ausmerzen verbracht hatte. Doch als ich die Uhrzeit angeben, alle Wochentage aufzählen und nach dem Weg zur nächsten Wäscherei fragen konnte, fand ich es an der Zeit, mir ein Bier zu gönnen. Also stieg ich aufs Dach der Jugi – ziemlich eindrücklicher Blick über den zweitgrössten Platz der Welt und ziemlich versiffte Bar. Ich sass eine Weile da und nippte an meinem Bier, als mich eine Österreicherin fragte, ob ich mich nicht zu ihnen gesellen wolle. An der Bar sassen ausserdem ein junger Amerikaner, der am Morgen sein Flugzeug verpasst hatte, weil er sich im Abreisedatum geirrt hatte, ein deutscher Student, dem die Polizei einmal freundlicherweise die Wohnung gesaugt hatte, wobei ein knappes Gramm Marihuana im Staubbeutel hängenblieb und er damit in den Maschen des Gesetzes, ein älterer Deutscher vom Typ Lüstling, der mit seinen Kambodscha-Erzählungen bei den Frauen mächtig gut ankam und schliesslich ein ebenso in die Jahre gekommener Kanadier, den ich täglich vor den U-Bahn-Eingängen rumschleichen sah. Um Gras zu besorgen, wie ich später (nur wenige Stunden später) erfahren würde. Ein illustres Grüppchen also und mitten drin: Ich, der kleine Schweizer, noch grün hinter den Ohren! Dann schickte die Barfrau eine erste Tequila-Flasche auf die Reise. Ich griff mächtig zu, wann immer der Tequila in meinem Blickfeld auftauchte. Was immer schwieriger wurde, denn dieses verengte sich mit jedem Gläschen rasant. Dann kam das Marihuana. Mexikanischer Strassen-Shit. Die nächsten beiden Tage verbrachte ich hauptsächlich auf der Toilette. Dies hatte immerhin den Vorteil, dass mir viel Zeit zum Studieren der Armaturen blieb, wodurch ich endlich begriff, wie warmes Wasser auch aus meiner Dusche zu zaubern war. So musste ich mich fortan zum Duschen nicht mehr in unbelegte oder vermeintlich unbelegte Zimmer schleichen.</p>

<p>Nummer zwei gehört noch in die Kategorie der frühen Kater des jungen S. Ein kollektives Besäufnis am Hallwilersee. Was als gemütliches Anstossen auf die Sommerferien gedacht war, endete in einem Botellón. Heute gibt es endlich ein Wort dafür! Wir hatten grossen Spass, ich schrie Liebesgeständnisse in die laue Julinacht, behielt stets meinen Rucksack an – auch als ich im Gras lag – und redete fliessend Englisch mit unserer Austauschschülerin. Man hätte einen Oxford-Heini rankarren sollen, in dieser Nacht hätte ich spielend das Advanced bestanden. Ebenso fliessend ratterte ich dann unsere Telefonnummer runter, als sich meine Mitschüler allmählich Sorgen um mein Wohlergehen zu machen begannen. Nach dem ersten Filmriss sass ich plötzlich im Auto meines Vaters. Nach dem zweiten in einer mir unbekannten Arztpraxis zusammen mit einem Mitschüler (heute Bezirksrichter). Er landete zum Magen Auspumpen im Spital, ich fand mich nach dem dritten Filmriss zu Hause in meinem Bett wieder. Am nächsten Morgen quälte ich mich in die Schule, um das Zeugnis in Empfang zu nehmen. Den Rest des Tages lag ich flach.</p>

<p>Nummer drei schliesslich ereignete sich letzten Freitag. Es gibt drei eiserne Regeln beim Alkohol Trinken. Erstens: Nicht durcheinander trinken! Ich blieb von Anfang bis Ende beim Bier. Kein Regelverstoss also. Zweitens: Nie auf nüchternen Magen! Nun ja, einen Cheeseburger gönnte ich mir erst kurz vor Mitternacht. Gilt vermutlich als klarer Regelverstoss. Drittens: Spätestens, wenn du beim Wasser Lassen dümmlich die Plättli angrinst, ist es höchste Zeit, nach Hause zu gehen. Nun, ich grinste tatsächlich bescheuert wie nur irgendwie möglich. Ich grinste derart ekstatisch die Fliesen an, dass es den Kalk nur so aus den Fugen sprengte. Und blieb trotzdem noch ein Stündchen. Dieses letzte Stündchen, welches immer Tor und Angel zum Verderben öffnet. Als Parallele zu Kater Nummer eins auch hier das verhängnisvolle Krautgewächs. Damals mexikanisch, dieses Mal chilenisch. Die Wirkung aber: identisch. Der gemütliche Shopping-Nachmittag tags darauf ging flöten, vom herrlichen Sonnenschein bekam ich gerade mal soviel mit, wie die engen Ritzen meiner Storen durchliessen und bis Sonnenuntergang starrte ich hauptsächlich auf die Fliesen meines Bades. Das Grinsen war mir vollends vergangen und mein Ja zur Hanf-Initiative werde ich nun nochmals gründlich überdenken. Aber erst, wenn mein Hirn wieder zu einer derartigen Leistung im Stande ist.</p>

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<p>© 2008 <a href="http://www.tschyses.ch/" target="_blank">tschyses.ch</a>
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      <pubDate>Sun, 16 Nov 2008 21:57:36 +0100</pubDate>
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      <title>Die Neunundzwanzigste // 06.11.08</title>
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      <description><![CDATA[<p>Kürzlich hörte ich meine ehemalige Dozentin am Radio. Ich hielt kurz inne und dachte an die vielleicht hektischste Zeit meines Lebens zurück. Die schriftliche Diplomarbeit raubte mir sowohl Schlaf wie auch die letzten Nerven, alles drohte den Bach runter zu gehen. In dieser schwappenden Suppe voller Ungemach war sie der Fels in der Brandung, quasi der Moses, der für mich das Unheil teilte und mir einen Weg aufzeigte. Meine Dozentin! Irgendwie ähnlich mag Scarlett Johansson über Bill Murray denken, wenn sie sich an Tokyo erinnert. Natürlich, bei uns ging es noch weniger um Zärtlichkeiten, unsere Verbindung war ausschliesslich geistiger Natur. Die Telefonleitung stellte stets die gebotene Distanz sicher, während wir uns die Nächte um die Ohren schlugen. Ich am einen Ende schreibend, sie am andern Ende beratend und unterstützend. Ohne diese Hilfe wäre ich ersoffen, das steht ausser Frage. Ich hatte spät zu schreiben begonnen, der Zug rollte bereits aus dem Bahnhof und drohte mir zu entwischen. Ich rannte was das Zeug hielt und tippte Seite um Seite. Meine Dozentin bekam stets die neusten Ergüsse zu Gesicht und was ich daraufhin an Feedback zurückbekam, schwingt heute noch wohlklingend in meinen Ohren nach. Begeistert sei sie, meine Arbeit schlicht saugut! Ja, saugut sagte sie. Darüber hinaus sagte sie noch viel mehr, doch dies hier wiederzugeben, würde meine natürliche Bescheidenheit bei weitem übersteigen. So lächelte mir an diesen Tagen stets ein kleiner Genius entgegen, wann immer ich vor den Spiegel trat. «Läck», sagte ich zu meinem Spiegelbild, «du bist echt sackgut!» Dazu setzte ich ein Berlusconi-Grinsen auf, dass mein goldener Eckzahn funkelte. Ein Genie war geboren, die Raupe verwandelte sich gerade in den grössten und schönsten Zitronenfalter aller Zeiten! Ich war überzeugt, mein Name würde mal im gleichen Atemzug wie Walter Benjamin, Roland Barthes, Foucault, Derridas oder Susan Sontag genannt werden. Und fragte man einen Extremtaucher mit extremer Lunge, dann würde diese Aufzählung erst bei Aristoteles enden! (Vorausgesetzt natürlich, in seinem Hirn ist weniger Luft als in seiner Lunge.) Professoren würden meinen Namen an die Tafel kreiden und doppelt unterstreichen. Generationen von Schülern und Studentinnen würden über meinen Schriften brüten, würden meine wichtigsten Sätze gelb markieren, würden fluchen und jammern, da sie meinen bahnbrecherischen, dafür hochkomplexen Theorien und Thesen vielleicht hie und da nicht ganz gewachsen waren. Dissertationen würden verfasst werden, Vorträge gehalten, Statuen errichtet und Schulen nach mir benannt. Die Zukunft, es bestand kein Zweifel, gehörte mir!</p><p>Sechs Monate zogen ins Land, dann bekam besagter Student Post. Eingeschrieben! Ich freute mich auf meinen Lottogewinn, der mich gänzlich unverhofft erreichte. Nicht einmal einen Lottoschein ausgefüllt hatte ich! Dieses Kunststück gelingt wahrlich nur den allergrössten Glückspilzen! Als ich dann aber den unverkennbaren gelben Farbbalken unserer Fachhochschule auf dem Couvert erblickte, sah ich meinen knallroten Ferrari entschwinden, wie Massa seinen Weltmeistertitel. Endlich also mein Zeugnis! Auch ganz nett. Nun kommet in meine Arme, oh holde Botschaft! Die Spannung war nicht zu ertragen, ich riss den Umschlag noch unterwegs auf der Strasse auf. Hier waren sie, meine Noten, süsse kleine Noten, als wären's meine eignen Kinderlein! Ich begann zu lesen. Praktischer Teil: och, ganz nett! Mündlicher Teil: sehr schön! Theoretischer Teil: Druckfehler! Ich kicherte amüsiert vor mich hin, ein Druckfehler im Zeugnis! Na gibt's denn so was? Ich war noch am Kichern, als ich die ausführliche Bewertung überflog. Ich kicherte immer noch, zumindest für den Bruchteil einer letzten Sekunde. Dann war's passiert: Das Kichern hatte aufgehört. Dramatische Pause. Zugegeben, ich war ziemlich überrascht. Etwa so, wie wenn Papst Josef Ratzinger mit 81 Jahren bemerken würde, dass er eigentlich eine Frau ist und schon immer war. Duschte mich vor einem halben Jahr die Telefonmuschel noch allabendlich mit Lobgesang, so las ich nun Sätze wie: «Die Einleitung ist schlicht unverständlich.» Oder: «Kapitel 2 ist nur unter grosser Anstrengung lesbar.» Aus dem Zitronenfalter und den Statuen wird jetzt wohl nichts. Viel eher fühlte ich mich wie eine Raupe noch vor ihrer Verwandlung. Gefressen und wieder rausgekotzt von Nachbars Fido.</p><p>Die Geschichte, meine Damen und Herren, lehrt uns schmerzlich dies: Verlassen Sie sich nicht immer auf orale Versprechungen! Präzedenzfälle gibt es viele an der Zahl. Vater Bush zum Beispiel sagte zu den Kurden: «Meine Freunde, wagt den Aufstand, ich unterstütze euch!» Also verliessen sie sich darauf. Frau Widmer-Schlumpf sagte dem Ueli: «Nein nein, ich werde niemals die Wahl annehmen! Völlig ausgeschlossen!» Also verliess er sich darauf. Eine Dozentin sagte zu ihrem Studenten: «Deine Arbeit ist wirklich saugut!» Also verliess sich der Student auf diese Worte. Und wäre am Ende beinahe durchgerasselt. Schande, wir leben wahrlich in einer wüsten Welt!</p>

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<p>© 2008 <a href="http://www.tschyses.ch/" target="_blank">tschyses.ch</a>
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      <pubDate>Thu, 06 Nov 2008 23:03:29 +0100</pubDate>
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      <title>Die Achtundzwanzigste // 30.10.08</title>
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      <description><![CDATA[<p>Ich dachte: «Wann werden die zwei Jungs endlich umgenietet, damit ich was essen gehen kann?» Seit geschlagenen zwei Stunden sass ich bereits im Kino, langweilte mich und hatte mächtigen Kohldampf. Das rote Thai-Curry hatte schon lange aufgehört, mir Sättigung vorzugaukeln und eine Glacé-Pause blieb mir auch vergönnt. Ich harrte dem Ende und mit mir 174 weitere Augenpaare. Doch weit und breit war kein Schnarchen zu vernehmen, lediglich meine Magensäfte blökten dissonant eine kleine Arie! War es in der Tat möglich, dass neben, hinter und vor mir tatsächlich alle der Wucht des Films erlegen waren? Seiner Brillanz, welche auch die Presse unisono pries, die mir jedoch komplett entging. War ich sehend blind? Dabei gab ich mir durchaus Mühe und fand den Film zu Beginn noch ganz interessant. Ja, ich war richtig froh, hier zu sitzen. Wie damals, als wir uns mit regelwidrigen vierzehn Jahren in «Kids» reingeschmuggelt hatten und von einer neuen, aufregenden Welt empfangen wurden. Eben noch Lobgesänge im Jugendgottesdienst, wenige Stunden später bereits die Kerzenstellung auf der Leinwand. Das war vielleicht was für uns Buben vom Land! Unsere Entwicklung trabte in Siebenmeilenstiefeln voran, ich konnte es deutlich spüren. Als ähnlich wichtig erachtete ich es, an jenem Freitag und dreizehn Jahre später auf Platz 1 in Reihe 7 zu sitzen. Im Kino rohe Gewalt und organisiertes Verbrechen, draussen auf der Langstrasse – vermutlich ebenso. Aber eingenistet in tief nachgebende Samtsitze, zeigte es eine fremde Welt weit ab von der gewohnten Umgebung. Das Lehrstück konnte beginnen, also Vorhang auf für Kultur vom Feinsten! Dann die Ernüchterung: Aus dem Lichtspektrum des Projektorstrahls schälte sich allmählich facettenreiche Langeweile heraus. Also fort mit den typischen Künstler-Platitüden! Von wegen spannend, interessant, wertvoll oder wichtig. Dahinplätschernd, in die Länge gezogen, bemüht spektakulär, two thumbs down, scusi! Und doch: «Gomorra» ist einer dieser Filme. Sie wissen schon, dieselbe Liga wie «Apocalypse Now», «Babel» oder die meisten Coen-Filme. Alle Welt liebt sie, ich hasse das Zeugs! Ähnlich wird es mir mit «Gomorra» ergehen, ich ahne es. </p><p>Doch noch wusste ich nichts von alledem, als ich morgens um neun die Tickets kaufte. Ein vermeintlich weiser Entscheid, denn eine knappe Stunde später war das Kino wohl ausverkauft. Schliesslich würde man an diesem Abend den Vorhang für den Liebling von Cannes ziehen. Eine Wucht von einem Film, die Jury war sich einig. Hinzu kommt die tragische Heldengeschichte um den Buchautor Roberto Saviano. Lehnte sich allzu weit aus dem Fenster in den napoletanischen Smog hinaus und schon begannen die fetten Mafiosi, den adretten Schreiberling zu piesacken. (Dies lehrt uns der Film: Mafiosi sind fett! Wenn nicht, dann sind sie dumm oder reden wie Ivan Benito.) Angepisst setzten sich die korpulentesten Schläger fortan an den Lesungen von Signore Saviano in die erste Reihe, doch statt dem Erfolgsautor Applaus zu spenden, zogen sie drohende Faxen. Wie kann man sich da noch aufs Liebesleben konzentrieren? Es ist ein Frust. Tote Hose, dafür – als kleiner Trost – übervolle Kassen und Ruhm wie zu Giovanni Falcones Zeiten. Dazu ein Wikipedia-Eintrag und 6'970'000 Suchergebnisse bei Google. Zum Vergleich: Eine durchschnittlich berühmte Person – also z.B. ich – verzeichnet lediglich 198 Suchergebnisse (und natürlich kein Wikipedia-Eintrag!), während es Beni Thurnheer immerhin auf 7'380 Ergebnisse (plus Wikipedia-Eintrag) bringt. Doch nichts im Vergleich zu Roberto, dem Mafiaschreck! Dessen Schicksal bewegt die Welt und dient Salman Rushdie als Steigbügel, um endlich mal wieder ins öffentliche Bewusstsein aufzusteigen. Der Primus unter den Gejagten und Geächteten gibt Survival-Tipps und leistet Beistand. Dabei würde Sir Rushdie lieber uns Kinogängern Ratschläge erteilen, wie wir – eingepfercht in Genuss versprechende Sessel – dem grausamsten aller Peiniger entkommen könnten: dem Hunger, meine Damen und Herren! In Afrika würde man mich verstehen... Äyy, dieser Witz wird wieder teuer! Mindestens ein Zwanzigernötli für Karlheinz Böhm muss schon her! Eine Art chemische Reinigung für mein Gewissen.</p><p>Nach 137 Minuten war der Mafianachwuchs Dumm & Dümmer dann doch noch um die Ecke gebracht. Ich applaudierte frenetisch, als sie vom Bagger weggekarrt wurden und bereits Minuten später stopfte ich mit ebenso grossen Schaufeln Hamburger und Pommes in mich rein. Quetschte noch den letzten Rest Ketchup aus dem Tütchen und war wieder ganz zufrieden mit der Welt. Neapel wusste ich weit weg und Mafia? In etwa gleich pubertär wie Fussball-Hooligans!</p>

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<p>© 2008 <a href="http://www.tschyses.ch/" target="_blank">tschyses.ch</a>
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      <pubDate>Tue, 04 Nov 2008 22:29:22 +0100</pubDate>
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      <title>Die Siebenundzwanzigste // 23.10.08</title>
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      <description><![CDATA[<p>Draussen fallen bald die ersten Flocken, die Heilsarmee steckt in den letzten Gesangsproben und André Rieu stimmt schon mal seine Stradivari für die grosse Weihnachtsgala. Ja, es weihnachtet schon bald, das lässt sich nur schwer verhindern. Durch den Manor laufen wir heute schon über flauschigen Teppich und durch glitzernde Engels-Welten. Alles ein bisschen kuscheliger, alles ein bisschen sanfter. Und jedes Jahr dieselben Fragen: Hätte ich mir als Kind nicht doch lieber eine Carrera-Bahn statt einen Bauernstall wünschen sollen? Wann schiesst endlich jemand all die «Wham!»-CDs auf den Mond? Gibt es sinnvollere Geschenke als alkoholische Geschenke? Und besonders: Rührt das «Fliegende Klassenzimmer» auch heute noch Millionen von Kindern zu Tränen? Ding-Dong... «Mein Gott, es ist Martin!» – Sturzbach, keine Chance! Nun gut, heutige prä-adoleszente Sturzbäche sehen wohl anders aus – wir leben ja nicht umsonst in der Generation Handy-Porno.</p>

<p>Wenn wir schon beim Thema sind: Erinnern Sie sich noch an Ihre erste erotische Fantasie? Meine erblickte ich an einem gewöhnlichen Samstag Abend auf dem Fernsehschirm. Sie trug das «kleine Schwarze» und sang «Hero». Ihre Stimme geht angeblich über fünf Oktaven und früher, als ich Kind war, ging ihr Stern gerade erst auf und sie sang hübsche, kräftige, traurige, rührende, wütende, mitreissende Balladen. Heute ist sie eine gewöhnliche Ghetto-Bitch, wie sie jede zweite mittelprächtige Sängerin darzustellen versucht. Im Gegensatz zu Katy Winter hat sie immerhin den Vorteil, dass neben ihr Typen wie Busta Rhymes oder Jay-Z stehen. Echte Kerle halt. Ja, Mariah Carey verzauberte mich an diesem Abend und zum ersten Mal bemerkte ich, dass ich nicht alleine auf dieser Welt bin. Huch, da ist noch wer! «Mein Gott, es ist Martin!» Haben Sie sich schon mal gefragt, wieso man zwei Vornamen trägt? Vielleicht einfach deshalb, damit man sich gleich mit Namen ansprechen kann. Klingt doch viel vertrauter als ein despektierliches «Hallo, mein kleiner Freund da unten!» Interessant also jene Menschen, die ihren Mittelnamen in ihren Rufnamen einbauen. Hat denen ihr Ding wirklich so viel Gewicht? Verdient er/es eine eigene Postanschrift? Nun gut, wirklich sprechen mit dem besten Stück tut man höchstens in deutschen Komödien, in Wirklichkeit läuft die Kommunikation eher nonverbal ab. Aber eigentlich – wie ich mir kürzlich überlegt habe – weist die Beziehung Mann-Penis (um das Ding mal beim Namen zu nennen) einige interessante Parallelen zu Nazi-Deutschland auf. Gleich wie damals neigt man zu Beginn dazu, den kleinen Kerl zu verniedlichen und nicht allzu ernst zu nehmen. «Jööö, duduu... gudigudi!» Jahrelang ignoriert man die Gefahr und ist sich keines Risikos bewusst. Doch dann, der Kerl hat unterdessen einen Schnauzer gekriegt, schwellt er seine Brust und türmt sich auf zum Mann! Zum Riesen! zum Ungetüm! Ja, der Rest ist Geschichte. Doch Vorsicht, es gibt auch Diktatoren mit Bärten und solche mit Glatzen! Lassen Sie sich also nicht von der Verkleidung täuschen. Und schon gar nicht von der Grösse.</p>

<p>Ja, solche Sachen überlege ich mir, wenn ich morgens mit dem Zug in den Sonnenaufgang fahre. Sehr pathetisch. Tu ich ja eigentlich nur, wenn ich ausnahmsweise mal früher gehen muss. Im Normalfall steht die Sonne bereits knapp über dem Horizont. Oder es pisst. Kürzlich durchkreuzte auf einer solchen Zugsfahrt ein Minibar-Verkäufer meine Gedankenwelten. Ich kann mir nur wenige Jobs vorstellen, die noch beschissner sind, als von morgens bis abends ein sperriges Wägeli zwischen sperrigen Pendlern durchzuwürgen. Politiker vielleicht; oder Realschullehrer. Doch dann folgt an dritter Stelle der «Wägelima». Immer schön lächeln, immer den gleichen Spruch: «Kafi, Bier, Mineral!» und Ende Monat den ewig miesen Lohn kassieren. Doch an diesem Morgen (eigentlich war es am Abend, doch wir hatten’s eben vom Sonnenaufgang...) vernehme ich an Stelle des Standart-Spruchs lautes Gelächter im hinteren Teil des Wagens. Das Lachen schwappt wie ein Buschfeuer von Abteil zu Abteil über. In einem Schweizer Zug! Zur Stosszeit! Inmitten der Wirtschaftskrise! In Spreitenbach! Wann hat wohl zuletzt jemand gelacht in Spreitenbach? Vielleicht der VCS, als der IKEA-Neubau verhindert schien. Doch seither? Es ist also zweifellos nicht übertrieben zu behaupten: Ein historischer Moment! Dann düst der Wägelima an mir vorbei, stoppt seinen Karren ein Abteil weiter vorne, blickt dem einen Griesgram in die Augen und fragt: «Grüezi, are you ready to smile?» Entwaffnend herzlich. Dabei hätte er wahrlich nicht viel zu lachen. Seit fünfzehn Jahren in der Schweiz, wovon er vierzehn Jahre hinter seiner Minibar verbrachte. Ich hätte ob dem ewigen Geholper schon lange gekotzt. Doch er schien fröhlich, als wär’s ein Ferienjob und als würde morgen der Flieger in die Ferien starten. Doch da warten keine gepackten Koffer zu Hause, nur die Aussicht auf nochmals zehn Jahre hinter dem Wägeli. Auch wenn gewisse Leute nur allzu gerne seine Koffern gepackt sähen. Einer weniger! Ja genau, welch eine Erlösung! Ich könnte wieder ungestört aus dem Fenster glotzen – «Kafi, Bier, Mineral!» – und dabei über Schwanz-Diktaturen und Mariah Careys Pfeifregister sinnieren.</p>

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<p>© 2008 <a href="http://www.tschyses.ch/" target="_blank">tschyses.ch</a>
<br />__________________</p>]]></description>
      <pubDate>Thu, 23 Oct 2008 23:59:11 +0200</pubDate>
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    <item>
      <title>Die Sechsundzwanzigste // 16.10.08</title>
      <link>http://www.tschyses.ch/</link>
      <description><![CDATA[<p>Meine Welt ist erschüttert: Ich schmatze angeblich! Kotzt mir ein junger Mann ins Gesicht, steht auf und wechselt entnervt das Zugsabteil. Ich kann es nicht lassen, beim Aussteigen zuerst über seine Schuhe zu spotten (Badelatschen) und ihn dann einen Bünzli zu nennen. Fünf Minuten und rege Diskussionen später habe ich ihn soweit, dass er sogar zugibt, ein Bünzli zu sein. Daher nennen wir den jungen Mann der Einfachheit halber und in gegenseitigem Einverständnis ab dieser Stelle einfach Herrn Bünzli. Unser Gespräch intensiviert sich mit jedem Schritt vom Zug weg und schwach flackert heute die Erinnerung auf, dass in einem meiner Argumentationsstränge irgendwie ein KZ drin vorkam. Wir durchschritten leicht versetzt gerade den Sektor B – ich vorne, er hinten. Klar, im Nachhinein scheinen mir Zweifel an der Stringenz meines Disputs berechtigt. Allerdings nur für diese eine Stelle! Denn in Sektor A erörterte ich schlüssig wie aus dem Lehrbuch die zu erwartenden Folgen meines Schmatzens auf die Population Botswanas – Stichwort Butterfly Effect. Dann war das Perronende erreicht. Leider, denn ein Schuss Blasphemie hätte unserem Gespräch eine zusätzliche Tiefe verliehen, da bin ich mir sicher. Doch wir waren beide in Eile, also liessen wir es dabei bewenden. Schnell fragte ich Herrn Bünzli noch, ob er vielleicht wisse, wo mein Bus fährt, dann gingen wir auseinander. Den Bus fand ich trotz freundlicher Erklärung nicht auf Anhieb, dafür mich umso schneller in Selbstzweifeln wieder: Schmatze ich wirklich? Das geht ja echt nicht! Und erst in aller Öffentlichkeit, die armen Pendler! Ich fühlte mich nackt und entlarvt. Was in Gottes Namen, wenn Herr Bünzli recht hatte? Das Schnarchen stritt ich jahrelang entschieden ab (und glaube heute noch ein bisschen an eine Verschwörung), EPO habe ich ebenfalls nie zu mir genommen, niemals! Und jetzt Schmatzen; wahrlich ungeheure Vorwürfe! Nur damit das klar ist: Sevi schmatzt nicht! Sevi schnarcht nicht und Sevi macht keine Witze über Randgruppen! </p><p>Wie dem auch sei, Angriff ist auf jeden Fall immer (ohne Ausnahme!) die beste Verteidigung. Kann ich allen (ob Schmatzer, Im-Ruhewagen-Telefonierer, Kino-Schwatzer, Im-Rauchverbot-Raucher oder Auf-Behindertenparkplatz-Parkierer) nur wärmstens empfehlen. Zeit für Zweifel bleibt danach noch genug. Denn im Grunde meines Herzens bin ich ja beispiellos sensibel, zeige es nur nicht gleich jedem Wildfremden. Wie ich auch nie zu Fremden ins Auto steige und daher jedem Buschauffeur immer zuerst das Du anbiete. Tschuldigung, dieser Witz war jetzt etwa auf Peach Weber-Niveau. Aber ich arbeite an meinem Bühnenprogramm und den Gemeindesaal Corippo würde ich schon gern füllen. Nein, das ist natürlich ein Scherz! Die 17 Einwohner der Tessiner Gemeinde werden natürlich verschont von meinen blöden Witzen. Aber schickt denen doch mal ein paar Asylanten rauf, sonst gibt’s im Verzascatal nur noch Inzucht-Bruten. Aber von Inzucht zurück zu Herrn Bünzli – welch eleganter Bogen. Es gibt da noch eine Kleinigkeit richtigzustellen: Die Badelatschen trug Herr Bünzli lediglich wegen seiner kürzlichen Fussoperation. Kann ich ja nun echt nicht wissen, ich dachte, das wär’ sein Style!</p><p>Ja gut, das wär’s jetzt eigentlich schon gewesen von mir in dieser Woche. Werden irgendwie immer kürzer diese Kolumnen! Ich könnte ja vielleicht zum Schluss noch einen Witz erzählen. Kommt ein Pferd in eine Bar... Nein, vielleicht einen anderen. Als Kind wusste ich einen irre lustigen Witz, den schenkte mir das «Mickey Mouse». Danke Mickey! Der Witz hatte allerdings einen Haken: Die Pointe war für ein kleines Stotter-Kind unaussprechbar. Und wenn Sie schon mal einem Stotterer zugehört haben, wie er einen Witz erzählt – also z.B. mir – und wie er dabei die verdammte Pointe einfach nicht rauskriegt, dann wissen Sie, dass irgendwann die beste Pointe verdorben ist. Wie wenn eine Flasche Château Rothschild bei irre brennendem Hochsommerwetter im Gewächshaus liegen bleibt. (Passiert sicher ständig!) Aus diesem Grund nahm ich mir vor, ich erzähle den Witz erst, wenn ich nicht mehr stottere. Für das bessere Bouquet! Hat irgendwie nicht so geklappt, denn das Stottern ist bis heute geblieben und der Witz dadurch noch immer unausgesprochen. Doch eigentlich bin ich ganz froh darüber, denn wenn ich es mir recht überlege, so muss ich zugeben, dass der Witz im Grunde gar nicht so irre lustig ist! Scheiss Mickey!</p>

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<p>© 2008 <a href="http://www.tschyses.ch/" target="_blank">tschyses.ch</a>
<br />__________________</p>]]></description>
      <pubDate>Thu, 16 Oct 2008 23:57:48 +0200</pubDate>
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    <item>
      <title>Die Fünfundzwanzigste // 09.10.08</title>
      <link>http://www.tschyses.ch/</link>
      <description><![CDATA[<p>Hilfe, ich bin ein Serien-Junkie! Vorbei die Zeiten, als ich während dem Nachtessen nebenbei noch die NZZ las. Von vorne bis hinten, von International bis Zürich und Region. Die Zeitung reichte für ein Frühstück, für einen faulen Nachmittag zu Hause und eben für ein Nachtessen. Ich war ein News-Junkie, ich wusste Bescheid und konnte den Briefträger am Morgen kaum erwarten. Die NZZ ist ja wirklich eine Wissens-Granate. Kennt jemand die Aarauer Brändli-Bomben? Die NZZ ist ähnlich, schmeckt im Normalfall jedoch weniger nach Schokolade. Nun gut, das war früher. Denn Wissen ist schön und gut, doch irgendwann ging mir all das Wissen gehörig auf den Geist. Zu wissen, dass die halbe Welt ein blutverschmierter Dreckshaufen ist, lässt einen gehörig am positiven Einfluss einer Tageszeitung auf den eigenen Gemütszustand zweifeln. Also änderte ich mein Essverhalten. Statt Zeitungen gab’s ab sofort TV-Serien zur Tischunterhaltung. Und diese Änderung schlug ein wie eine Bombe. Innert kürzester Zeit mutierte ich zum Serien-Junkie. Am Montag gab’s bis vor Kurzem Grey’s Anatomy, doch seit dem Staffelende wuseln jetzt halt als Ersatz die verzweifelten Hausfrauen über die Mattscheibe. Danach folgen Dr. House und sein (zum Teil sehr, sehr hübsches) Nachwuchsteam. Am Dienstag herrscht Flaute, manchmal hilft aber SF2 mit einem lustig harmlosen Film aus. Am Mittwoch geht’s dann weiter mit Eli Stone, dicht gefolgt (leider zu dicht) von Criminal Minds auf meinem Lieblingssender 3+. (Ja, das ist ironisch gemeint!) Am Donnerstag schliesslich herrscht eigentlich erneute Flaute, doch zur Not tut’s auch Alarm für Cobra 11. Gut zu wissen, dass der kleine Türke noch immer den bösen Buben hinterher brettert und dabei in jeder Serie sicher einen BMW zu Schrott fährt. Vielleicht könnte Piero aus Musicstar dort mal mittun? </p><p>Ich kann seichte Serien-Unterhaltung allen nur wärmstens empfehlen. Endlich muss ich keine Gedanken mehr an Israelis und Palästinenser verschwenden, endlich ist das Morden und Vergewaltigen in Darfur dort, wo es hingehört: weit weg! Und endlich hat jemand all die Politiker in der Wandelhalle auf stumm geschalten. Man stelle sich nur vor: Ein Mörgeli ohne Ton! Das ist wie ein Morgen ohne Kater, ein Kater ohne Buckel und ein Buckel ohne Steine. Auf der Buckelpiste bei Schneemangel... ich gebe zu, das geht irgendwie nicht so ganz auf, doch ich bin leicht in Eile und Sie erraten ohne Zweifel den Grund: Mein Zeitplan ist nun gänzlich dem Fernsehen unterworfen, das Tele meine Bibel und Heidi Abel meine Göttin. Ich arbeite jetzt übrigens am Heidi-Abel-Weg. Mit ein Grund, wieso meine Kolumne diese Woche etwas kürzer ausfällt. Das Studentenleben ist vorbei, die Nächte dienen wieder zwingend der Erholung. Etwas zweideutig, doch standen sie früher primär im Zeichen der Kreativität. Womit die Zweideutigkeit noch immer nicht gänzlich aufgehoben wäre, doch Sie verstehen mich.</p>

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<p>© 2008 <a href="http://www.tschyses.ch/" target="_blank">tschyses.ch</a>
<br />__________________</p>]]></description>
      <pubDate>Thu, 09 Oct 2008 23:44:06 +0200</pubDate>
      <guid isPermaLink="false">die-fünfundzwanzigste-091008</guid>
    </item>
    <item>
      <title>Die Vierundzwanzigste // 02.10.08</title>
      <link>http://www.tschyses.ch/</link>
      <description><![CDATA[<p>Unzusammenhängende Gedanken, zusammengehängt. Heute A bis M:</p><p>A) Wie wird man sich später an die 00er-Jahre erinnern? Was wird als Galionsfigur für die ersten zehn Jahre des dritten Jahrtausends nach Christus herhalten müssen? Die Anti-Terror-Kriege? Der Ökoterror? (Nicht meine Worte!) Global Warming als Wahlkampf- sowie Hollywood-Thema? Ich glaube vielmehr, man wird sich vor allem an zugedübelte Löcher in öffentlichen Toiletten erinnern. Mit gleicher Entschlossenheit, wie man früher Mauern niederriss, gehen die Retter der Menschheit heute gegen Aschenbecher vor. Nur die Nidwalder widersetzen sich vorerst noch diesem Trend.</p><p>B)  Würden SP-Politker und -Wähler eigentlich lieber links fahren auf unseren Strassen? Also ich find's ganz gut, wie's ist. Aber ich fand ja auch das Schulwesen in den 80er-Jahren ganz okee, doch für diese Ansicht würde man mich heute teeren und federn in gewissen Kreisen. In Luzern vielleicht weniger.</p><p>C) Was sind das für Leute, die täglich Leserbriefe schreiben? Sind es dieselben, welche auch an SMS-Umfragen teilnehmen und ins Lokalradio anrufen? Und stimmt es, dass regelmässige Leserbriefe-Schreiber durchschnittlich häufiger im Streit mit ihren Nachbarn stehen? Wegen der wuchernden Hecke, dem kläffenden Hund oder der trompetenblasenden Ehefrau. (Nein, das ist nicht zweideutig zu verstehen! Immerhin zählt z.B. die Musikgesellschaft Veltheim tatsächlich eine Trompeterin zu ihren Aktivmitgliedern… war allerdings eine verdammt harte Suche! In Murgenthal, Oftringen, Möriken, Zetzwil, Kaisten, Muhen oder Dürrenäsch gibt es nämlich keine Trompeterinnen. Dafür lauter stylische Websites!)</p><p>D) Stimmt meine Vermutung, dass der Werbechef der «Mobiliar» schon vor Jahren gestorben ist und die Kampagnen seither seine Telefonbeantworter-Stimme kreiert?</p><p>E) Ist es im Grunde nicht blasphemisch, an Gott zu glauben? Denn wenn es tatsächlich einen Gott gibt, dann muss der Typ ein ziemlich sadistischer Mistkerl sein. Also sind eigentlich alle Gläubigen die viel grösseren Gotteslästerer als ich Nichtgläubiger.</p><p>E.2) Schade, erreicht meine Kolumne keine grössere Leserschaft. Würde mich sehr über die Leserbriefe auf obigen Punkt freuen.</p><p>F) Vielleicht wird dieses Zeitalter auch als Blogger-Age in die Geschichtsbücher eingehen. Führt ja mittlerweile wirklich jeder Tubbel einen Blog. Ja, auch ich… doch mir ist der Ausdruck Kolumne lieber! Danke.</p><p>G) Stand David Hasselhoff beim Mauerfall wirklich auf dem Brandenburger Tor und sang «Looking for Freedom»? </p><p>H) Werden eigentlich alle Verkäufer/innen in Coop und Migros arbeitslos, wenn sich die automatischen Kassensysteme durchsetzen? Und wer fragt mich dann nach meiner Supercard?</p><p>I) Ist nach einem grossen Suff der Urin alkoholhaltig? Ist es demzufolge gefährlich, während dem Urinieren zu rauchen? Oder sollte man es im besoffenen Zustand unterlassen, ein Lagerfeuer mit den eigenen Körpersäften zu löschen?</p><p>J) Was hatte Finanzminister Merz eigentlich im Auto einer fremden, sprich nicht seiner Frau zu suchen? Es liegt auf der Hand, dass man in einem Auto Vollgas gibt. Wozu dies führen kann, sieht man nun. Männer, lasst uns dies eine Lehre sein! Und Genesungswünsche vom «Blick» gibt’s für uns natürlich auch nicht. Immerhin trieben sich die zwei in unmittelbarer Spitalnähe auf. Bravo, da denkt einer mit – trotz allenfalls nach unten verrutschter Hirnfunktion.</p><p>K) Reichen die Attribute hübsch und Rollstuhl aus, um im Schweizer Fernsehen Karriere als Moderatorin zu machen?</p><p>L) Wann komponiert Oskar Freysinger den Schweizer Beitrag für den European Song Contest? Als Gesangstalent mit erster Bühnenerfahrung steht Madame la Présidente bereit. Oskar und Micheline, vielleicht eine unheilige Allianz, doch wer behauptet, Erfolg beruhe auf Heiligkeit? Und irgendwie erinnern mich die zwei an Björn Ulvaeus und Paul McCartney mit Pilzfrisur.</p><p>M) Ist es rassistisch, sich im Dunkeln zu fürchten?</p>

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<p>© 2008 <a href="http://www.tschyses.ch/" target="_blank">tschyses.ch</a>
<br />__________________</p>]]></description>
      <pubDate>Thu, 02 Oct 2008 00:01:34 +0200</pubDate>
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    </item>
    <item>
      <title>Die Dreiundzwanzigste // 25.09.08</title>
      <link>http://www.tschyses.ch/</link>
      <description><![CDATA[<p>Es mag wohl zutreffen, mein Portemonnaie hat schon bessere Zeiten gesehen. Aber kaputt und tot? Nein, das wäre doch zu negativ ausgedrückt. Allerdings gibt es immer wieder Anlass zu recht unerwarteten Kommentaren. So stehe ich an der Manor-Kasse Schlange, um meine Ration Deo, Duschmittel und Zahnpasta zu bezahlen. Ich habe gerade das Geld der Kassiererin in die Hand gedrückt, da zeigt sie an den Strumpfwaren vorbei in Richtung der Lederwaren und sagt ziemlich cool: «Ein neues Portemonnaie finden Sie dort hinten!» Ohne eine Miene zu verziehen. Ich überlegte noch, ob ich vielleicht eingeschnappt und mürrisch reagieren sollte - ich steckte schliesslich grad mitten in einem herrlich mürrischen Tag! Doch da hatte mein Zwerchfell bereits ein Lachen hoch geschickt, völlig autonom und anarchistisch. Meine Mürre war dahin! </p><p>Ich gebe ja zu, es wäre langsam an der Zeit, ein neues Portemonnaie zu kaufen. Doch ich mag das Ding so sehr. Eine schön verschlissene Lederhaut, die allerdings bereits beim Kauf verschlissen war, doch das muss so sein und ist wunderbar! Die Probleme beginnen jedoch im Innenleben. Hier scheinen die Nähte allesamt eine extrem kurze Halbwertszeit zu besitzen, die meisten haben sich innert Jahresfrist bereits in luftigste Luft aufgelöst. Und erst der Reissverschluss! Eine ganz tragische Angelegenheit. So ist mein jetziges Portemonnaie bereits das zweite Exemplar desselben Modells. Beim ersten ging nach wenigen Tagen der Reissverschluss kaputt, also brachte ich Modell eins zurück und bekam gratis Modell zwei. Wir waren sehr glücklich zusammen, doch nach wenigen Tagen ging auch hier der Reissverschluss kaputt. Zum Glück, als er gerade offen war. Nun wurde es mir allmählich zu blöd, ich kann ja nicht jede Woche ein neues Portemonnaie holen gehen, man muss ja auch mal in den Zustand gegenseitiger Vertrautheit gelangen. Zudem kam ich mir diskriminierend und oberflächlich vor. Alles gleich austauschen nur wegen ein paar Makeln? Ich bin ja auch nicht perfekt und hoffe täglich auf gütige Akzeptanz. So könnte man mich durchaus aus meinem Block werfen und einen Neumieter rankarren, der absolut geräuschneutral lebt und sicher keine Musik aus seinen Boxen dröhnen lässt. Vor allem nicht nachts um elf. Oder man könnte mir den Zutritt zum Coop verweigern, da ich noch immer keine Supercard besitze und seit drei Jahren derselben Verkäuferin tagtäglich ihre immer gleiche Frage emotionslos verneine. Oder man könnte mir mit gutem Gewissen meine Militäruniform und all die interessanten Reglemente und meine funkelnde Gamelle gewaltsam entreissen, weil ich einfach kein Interesse für die jährlichen Wiederholungskurse zeige. Doch man akzeptiert mich als Nachbarn, als Landesverteidiger und als Konsumenten in all meiner Unvollkommenheit. Dies ging mir durch den Kopf, als ich bereits den zweiten Reissverschluss in der einen und das dazugehörige Portemonnaie in der anderen Hand hielt. Also entschloss ich mich, meine behinderte Krüppelbörse zu behalten. Und siehe da, sie revanchierte sich bei mir, indem sie ganz erstaunliche Leistungen vollbrachte. Kreditkarten - immerhin das Tor zu meinen immensen materiellen Schätzen - blieben trotz fehlender Nähte immer an Ort und Stelle. Gleich verhielt es sich mit den Münzen. Egal ob kleine Fünferli oder grosse, schwere, dicke Fünfliber, alles blieb stets an seinem Platz. Mein Portemonnaie schien die Schwerkraft zu überlisten. Folglich prallten all die blöden Sprüche an mir ab wie Kritik an Sämi Schmid. Mein Portemonnaie war perfekt, kein Grund also, es auszumustern!</p><p>Dachte ich bis gestern. Doch seit gestern haben meine Zweifel neuen Auftrieb erhalten. Ich stand am HB und wartete auf meine S-Bahn. Da kam eine stinkende, faulende Duftwolke auf mich zu. Ich erkannte inmitten der Wolke eine schwarz bezahnte Gestalt in zerrissenen, löchrigen Lumpen. Das Lachen passte nicht ganz zum Rest der Erscheinung, dennoch reichte das Gesamtbild, um in mir ein schlechtes Gewissen aufkommen zu lassen. Ich mit meiner Bio-Milch und den Max Havelaar-Bananen, während sich dieser Mensch wohl nur von Anker-Bier ernährt. Was für eine Schande! Trotzdem zupfte ich schnell meinen Pulli zurecht, damit das Thommy Hilfiger-Logo auf meinen Jeans darunter verschwand. Abwimmeln fällt dadurch ein bisschen leichter! Doch dann vergegenwärtigte ich mir den Grund, weshalb ich überhaupt auf diesem Perron stand und auf eben diese S-Bahn wartete: Vorstellungsgespräch. Es gab also keinen Grund, in dieser kritischen Phase meiner beruflichen Zukunft das Universum unnötig zu verärgern! Also gut, widerwillig gütig fischte ich mein Portemonnaie hervor. Damit es dem armen Kerl ausnahmsweise mal zu einem Eichhof (krieg ich für diese Erwähnung Prozente?) reichen sollte. Anker-Bier kann nun wirklich keinem zugemutet werden, das geht zu weit! Ich war gerade dabei, eine recht grosse Münze zu suchen – das Universum ist ja auch recht gross –, da entfährt es dem Penner: "Hey shit, dein Portemonnaie sieht ja voll übel aus!" Ich glotzte ihn an. Dann seine Kleidung. Das waren Löcher mit Stoffrändern! Also wenn hier was übel aussieht… aber verdammt, vielleicht hatte er ja Recht! Vielleicht sollte ich echt mal wieder in den Portemonnaie-Laden gehen. Vielleicht grad heute. Vielleicht noch in dieser Stunde! Und vielleicht mal auf diese Freitag-Dinger umschwenken. So ne Lastwagen-Plane scheint recht robust zu sein! Machen die eigentlich auch Kleider? Ich kann da nämlich wen…</p><p>PS: Ich komme grad vom Manor. Es ist schon wieder passiert, kein Scheiss! Manor-Verkäuferinnen reagieren irgendwie recht krass auf abgefuckte Portemonnaies: «Sie scheinen Ihr Portemonnaie wahnsinnig gerne zu haben!» Ich (in Gedanken): «Ja, und ich hab’ auch sonst ein ganz doll grosses Herz!» *Hundeblick* (real). Wieder sie: «Das sieht so Scheisse aus, das ist schon wieder Kult!» Danke, alles klar!</p>

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<p>© 2008 <a href="http://www.tschyses.ch/" target="_blank">tschyses.ch</a>
<br />__________________</p>]]></description>
      <pubDate>Thu, 25 Sep 2008 00:01:51 +0200</pubDate>
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    </item>
    <item>
      <title>Die Zweiundzwanzigste // 18.09.08</title>
      <link>http://www.tschyses.ch/</link>
      <description><![CDATA[<p>Ich habe mir neulich einen Coiffeursalon gekauft. In der Stadt Zürich in der Nähe des Brunauparks. Damit bin ich nun waschechter Coiffeurmeister. War schon immer ein kleiner Traum von mir. Aber hey, von wem schon nicht? Der Coiffeur ist schliesslich so was wie der Bahnhof Olten: Hier kommen sie alle mal durch! Von jung bis alt, von Büezer bis Bundesrätin. Und das Berufsbild liest sich wie eine Schrift gewordene Fata Morgana: Im Kontakt mit Menschen, mit den Händen gestalten, kreativ sein, jeden Tag neue Frisuren, jeden Tag eine neue Herausforderung, am Puls des täglichen Lebens, für gelangweilte Stadtbewohner vielleicht gar der Mittelpunkt ihres sozialen Lebens sein dürfen, quengelnde Kinder auf den Sitzen festgurten, ihnen ein bisschen Ritalin in den Sirup mischen, ja was gibt es Schöneres, Befriedigenderes, Erfüllenderes als meine nun anbrechende Zukunft als Frisör, in die ich noch ein bisschen misstrauisch blinzle. Gut, das ist alles ein bisschen geflunkert, ich gebe es zu. Ich hätte natürlich viel lieber die Sihlpost gekauft, aber die hatte sich schon ein ehemaliger Dozent von mir unter den Nagel gerissen. Und zumindest in seiner Statur erinnert er mich ein bisschen an den früheren Posthalter meines Heimatdorfes, daher passt er ja auch viel besser hinter das Stempelkissen als ich. Geht also in Ordnung. Die UBS wäre auch ein ziemliches Schnäppchen gewesen, doch wieder kam ich zu spät, auch die hatte bereits ihren Besitzer gewechselt - für läppische 200 Franken. So weit ist’s also gekommen mit Ospels Erbe! Traurig, traurig.</p><p>Ich muss vielleicht noch einräumen, dass ich nicht so ganz der rechtmässige Besitzer des Coiffeursalons an der Uetlibergstrasse bin. Also irgendwie schon, aber eigentlich nur der geistige, nicht der materielle Besitzer. Ich bin also nicht der, der gross Kohle macht damit, sondern nur so nebenbei der Patenonkel des hoffentlich florierenden Herrencoiffeurs. Genauso wie mein «Berufskollege» Max Küng nicht wirklich Tankwart im Innenhof der ZKB geworden ist (obwohl das meiner Meinung nach sehr gut zu ihm passen würde), wie seine Kollegin Michèle Roten nicht wirklich als neue Herrin im Amtshaus am Helvetiaplatz fungiert, Röbi Koller wird auch eher selten im Polizei-Kabäuschen am Central anzutreffen sein und Hans Hollenstein wird weiterhin die Geschicke des Kantons Zürich leiten, statt die Trams im Depot zu schrubben. Möglich gemacht hat den Ausverkauf der Stadt Zürich das Cabaret Voltaire, das momentan zwar auf des Stimmbürgers Schneide liegt, doch mich verwandelte es zum Ende meines Studiums vom halbherzigen Künstler in einen überzeugten Kunstsammler. Sollen die in London doch Millionen für die in Formaldehyd eingelegte Arche Noah des Damien Hirst bezahlen (welches Viech hat der Kerl eigentlich noch nicht eingegossen? Langweilig, Herr Hirst!), ein Güselchübel, ein Strassenpoller oder eben ein Coiffeursalon sind auf alle Fälle viel die lässigeren Kunstwerke! </p><p>Interessant sind natürlich auch die bezahlten Preise, die man selber festsetzen konnte. Der Autor und Kolumnist Mark van Huisseling scheint grad recht knapp bei Kasse zu sein, für seinen Cabaret-Reklamekasten machte er gerade mal 1.95 locker. Und wünscht sich vielleicht, für ebenso wenig ins Cabaret reinzukommen. Auch die steinreiche Eva Camenzind liess es bei Aldi-mässigen 9.90 für einen stinkenden Robidog bewenden. Charles Clerc machte für einen Hydranten am HB immerhin 11.11 locker, während sich sein Tagesschau-Kumpan Erich Gysling die Polybahn für einen unbekannten Preis unter den Nagel riss. Unbekannt gleich beschämend tief oder exorbitant hoch? Immerhin 111 Franken liess Roger Schawinski für die Kanzlei-Turnhalle springen. Der Mann hat verstanden, dass man sich zwar die Haare färben kann, dass aber die Fitness leider nicht aus der Tube von L’Oréal kommt. Daniel Freitag (der Taschen-Guru) war mit 275.20 für einen Güselchübel an der Langstrasse weit spendabler als der geniale Redenschreiber Peter von Matt: Abluftrohr an der Aussenwand der Post meines Dozenten für bescheidene 1.70. Doch der Applaus für den höchsten Verkaufspreis, den ich während meiner stundenlangen Recherche ermitteln konnte, geht an Milena Moser, welche sich ein 802 Franken teures Schaukelpferd auf dem Zeughaushof gepostet hat. Hach, wir Mörkner sind halt überaus grosszügige Leute! Also ja, jeder innerhalb seiner finanziellen Möglichkeiten natürlich. So bezahlte ich für meinen Frisörsalon stolze 20 Franken und 46 Rappen – als kleine Referenz an Kar Wai Wong (obwohl er bessere Filme gemacht hat!).</p>

<p>>> <a href="http://www.allesistkunst.ch/" target="_blank">www.allesistkunst.ch</a> (Ja, sogar ein Haifisch in Formaldehyd!)</p>

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<p>© 2008 <a href="http://www.tschyses.ch/" target="_blank">tschyses.ch</a>
<br />__________________</p>]]></description>
      <pubDate>Thu, 18 Sep 2008 12:37:59 +0200</pubDate>
      <guid isPermaLink="false">die-zweiundzwanzigste-180908</guid>
    </item>
    <item>
      <title>Die Einundzwanzigste // 11.09.08</title>
      <link>http://www.tschyses.ch/</link>
      <description><![CDATA[<p>Haben Sie das richtige Mobilabo? Sind Sie sicher? Und wie steht’s mit dem Internet, dem Festnetz, der Versicherung und dem Coiffeur? Fahren Sie überall am günstigsten, schöpfen Sie Ihr Sparpotential maximal aus? Gestern war ich mal wieder am Rechnen. Vielleicht ein paar Minuten, vielleicht aber auch stundenlang! Man will ja nicht blöd sein. Man will nicht unsinnig Geld ausgeben. Besonders dann nicht, wenn man keines hat! Die Tagesfrage gestern: Lohnt sich mein Message-Zusatz für 17 Franken und 66 Rappen monatlich? Wofür ich unbegrenzt viele SMS verschicken kann und zwar in alle Netze. Deutliche Antwort zum Schluss meiner Rechnerei: Nein, lohnt sich nicht! Denn ich hatte 19 Franken und 9 Rappen zu bezahlen, um auf meinen Mindestrechnungsbetrag zu kommen. Mindestrechnungsbetrag ist ein von Werbefuzzis generiertes Kaschierwort, um das Unwort «Abogebühr» zu kippen. Elegant oder? Hahaaa, Revolution: Keine Abogebühr mehr, tataaa und Applaus! Dafür eben den Mindestrechnungsbetrag. So wie man Schwarze als African-Americans bezeichnen muss, doch am Ende kommt’s aufs selbe raus: Fahren weiter den Schulbus und Präsident werden können sie noch immer nicht! Oder glauben Sie ernsthaft, ein Mann, der aussieht wie jeder zweite Gärtner in Lousiana, dessen Name frappant an Osama erinnert, der darüber hinaus auch noch den irakischen Ex-Diktator im Mittelnamen mit sich rumschleppt, der nicht auf die Jagd geht, der Abtreibungen gutheisst und den über 70% der Europäer wählen würden, wird Präsident der USA? Nicht in hundert Jahren! Man hätte es vielleicht doch mit der hysterischen Zicke probieren sollen! Doch zurück zur Telekommunikation: 19 Franken und 9 Rappen bezahle ich also dafür, dass ich mein Mobiltelefon zu wenig benütze. Was ich natürlich sehr gerne berappe, denn auch ein Telekommunikationsunternehmen muss ja irgendwie über die Runden kommen, da leiste ich gerne meinen Beitrag, ist ja klar! Und ist ja nicht so, dass Geben und Nehmen allzu einseitig verteilt wären, nein, wo denken Sie hin? Natürlich gibt mir auch Sunrise eine Menge Kohle zurück. Gratis surfen ein Leben lang! Keine ADSL-Gebühren mehr, solange, bis ich ins Gras beisse! Jeden Monat also 49 Franken gespart? «Ja genau!!» meinte der Sunrise-Verkäufer am Telefon. Leider nein, meine ich heute, denn hier kommt wieder der Mindestrechnungsbetrag ins Spiel. Elender Spielverderber! So sind die 588 Franken, die man jährlich spart – und davon eine Woche nach Mallorca fliegen könnte – auch sehr relativ. Bei Sunrise würde Einstein offene Türen einrennen! </p><p>Ich hielt meine Rechnerei gerade für beendet (Erkenntnis des Tages: Message-Zusatz streichen!) und wollte mich Sinnvollerem zuwenden – z.B. Altpapier bündeln –, da drang eine weitere Frage in mein Bewusstsein: Lohnt sich vielleicht aber der Surf-Zusatz? 7 Franken 50 und danach unlimitiert mit dem Handy im Internet surfen. Unlimitiert hört bei Sunrise übrigens bei 2 Gigabytes pro Monat auf. Nun ja, 2 Gigabytes sind schon sehr viel, das ist also wirklich fast unlimitiert. Eigentlich im wahrsten Sinne des Wortes, man sollte Sunrise Informatik-Bücher schreiben lassen: «Eine unlimitierte Datenmenge entspricht 2 Gigabytes!» Ich hätte demzufolge ein Notebook mit 115-facher unendlicher Speicherkapazität. Nicht schlecht oder? Vielleicht hörten die unendlichen Weiten damals bei Star Trek ja auch nach 2 Lichtjahren schon auf. Man hätte sonst die Filme ja auch in einem schampar grossen Studio drehen müssen! </p><p>Diese zweite Rechnung fiel allerdings äusserst knapp aus, da ich im letzten Monat nämlich bloss 6 Franken und 33 Rappen für Handy-Surfen ausgegeben habe. Womit ich sagenhafte 1 Franken und 17 Rappen sparen konnte. Ich war hoch erfreut! Doch dann dachte ich darüber nach, dass ich das Handy noch viel häufiger zum Surfen gebrauchen könnte, wenn ich dies unlimitiert machen dürfte. Unlimitiert im Sinne von 2 Gigabytes. Ich war letzten Monat nämlich unzählige Male irre froh, dass ich dieses neue Internet-Handy habe. Dann nämlich, als ich um eine Bratwurst gewettet hatte, wie das Wappen von Nidwalden aussah. Swusch swusch, ein paar Kurven durchs weltweite Netz und die Bratwurst gehörte mir! Ha! Oder dann, als ich Blumen giessen sollte, die Adresse der Wohnung des Freundes aber zu Hause vergessen hatte! Ja, da stehen Sie mit abgesägten Hosen da, da sind Sie furchtbar aufgeschmissen, wenn Sie kein Surfer-Handy dabei haben! Nach endlos langer Rechnerei habe ich mich dann allerdings entschlossen, mein Surfverhalten weiter zu beobachten und in einem Monat eine erneute Lagebeurteilung vorzunehmen. Denn fremde Pflanzen muss man nicht jeden Monat giessen und Bratwürste verdient man sich in der Regel auch härter. Weitere Einsatzmöglichkeiten eines Internet-Handys drängen sich mir im Augenblick grad nicht auf. Aber vielleicht ändert sich dies ja. Meinen Taschenrechner halte ich solange gezückt, um blitzschnell auf mein geändertes Konsumverhalten reagieren zu können. Ich bin ja nicht blöd!</p><p>Aber was ich noch fragen wollte, sehnen Sie sich hie und da nicht auch an die gute, alte PTT zurück? Keine orangen Sonnenaufgänge, keine 2 am Rücken, keinen Kabelsalat, kein Rechnen, keine Zeitverschwendung, einfach nur PTT und definitiv mehr Zeit zum Leben!</p>

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<p>© 2008 <a href="http://www.tschyses.ch/" target="_blank">tschyses.ch</a>
<br />__________________</p>]]></description>
      <pubDate>Thu, 11 Sep 2008 00:01:55 +0200</pubDate>
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    <item>
      <title>Die Zwanzigste // 04.09.08</title>
      <link>http://www.tschyses.ch/</link>
      <description><![CDATA[<p>(Diese Woche gibt’s wegen meiner langen Diplompause gleich eine Doppelnummer! Also los...)</p><p>Ich habe dieses Problem und das ereilt mich bereits nach wenigen Minuten in Bern. Ja, in Bern. Zürcher bekommen klaustrophobische Zustände in Aarau, alle andern Schweizer bekommen Zustände in Zürich, doch Bern mögen alle. Alles so ruhig, alles so friedlich. Ausser die SVP spaziert durch die Altstadt, aber sonst ist Bern die Ruhe selbst, ein zufriedener Bär im Schlummerschlaf. Bern ist quasi der Heiri Müller unter den Schweizer Städten. Doch bei mir blinken schon nach fünf Minuten die Alarmlämpchen. Spätestens! Denn irgendwie finde ich meinen Weg nicht zwischen den Bernern hindurch. Allerdings scheine ich weit und breit der einzige zu sein, denn eine ganz andere Platte wurde zum Hit: Grauenvolle Zürcher Hektik! Gestresste Leute, wohin das Auge reicht! Schnell zur Börse, schnell zum Paradeplatz, schnell in den Zara, schnell in den H&M, schnell zum Sprüngli, schnell in die Delicatessa, schnell in die Engi, schnell an den Letten, schnell auf den Zug, schnell ins Tram, schnell ins Puff und schnell ins Gym. Viele Wege führen durch Zürich und alle, die sie begehen, sind im Stress. Soweit das weit verbreitete Vorurteil. Und ja, diese Einschätzung ist absolut korrekt! Doch das führt eben auch dazu, dass Zürcher extrem geübt sind im gestresst Sein. Sie können hervorragend damit umgehen und zirkeln selbst in grösster Hast ungemein elegant und graziös um ihre Mitmenschen herum. Die Teilchen schwirren derart beschleunigt im HB umher, dass sie der Sichtbarkeit entschwinden. Als Resultat herrscht selbst nachmittags um fünf meditative Stille. Herrlich!</p><p>Anders in Bern. Dort entsteige ich dem Zug und komme knapp drei Schritte weit, ehe ich auf Tuchfühlung mit den Bernern gehe. Drei Schritte später knalle ich gegen den nächsten Passanten, wieder drei Schritte später gebe ich entnervt auf. Drei Atemzüge später merke ich, dass mich vermutlich kein Rescue Team bergen wird, also weiter! Drei Stolperer später stehe ich völlig entnervt endlich auf der Strasse. Geschafft! Mir graut jedoch vor dem Rückweg. Aber was soll auch anderes dabei herauskommen, wenn man diese gemütlichen, ruhigen und entspannten Berner durch einen viel zu eng konzipierten Bahnhof treibt und sie mit einer synthetischen Stimme, welche einen fremden Dialekt spricht, auf die Züge jagt. Schnell wird klar, hier sind sie nicht mehr auf Berner Boden, hier regiert die SBB! Und nicht erst seit der ehemalige Chef – ein Berner – seine beruflichen Weichen neu gestellt hat, ist das System SBB mit dem System Bern nicht zu vereinen. Kommt nun ein in Sachen Stress routinierter Nicht-Berner wie ich daher, dann prallen buchstäblich Welten aufeinander!</p><p>Dennoch, Bern ist eine Droge und jeder, der damit in Berührung kommt, begibt sich augenblicklich in grösste Abhängigkeit. Schon allzu oft habe ich das mit ansehen müssen. Gerade in meinem Kanton gibt es nicht viele, die Zürich mögen. Doch kaum begeben sich diese nach Bern, ist es um sie geschehen. «Grüessech», «vieri föfzg» und «adee» singen die drei Sirenen, welche kräftig mithelfen, die opiate Wirkung zu verbreiten, so dass bereits nach dem ersten Besuch alle völlig benebelt und zugedröhnt in den Lobgesang einstimmen. Doch irgendwie scheint niemand was vom kollektiven Drogenmissbrauch mitzubekommen! Bern ist wie die Hure, die trotz Dauergeficke ihre Unschuld nie verliert! Kein Wunder, hat es den Holländern hier so gefallen, denn wenn ich es mir recht überlege, trifft dieser Vergleich mit der Hure nur noch besser auf Amsterdam zu! Auch so eine Stadt, die alle lieben. Nur ich nicht, ich scheine irgendwie immun zu sein.</p>

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<p>© 2008 <a href="http://www.tschyses.ch/" target="_blank">tschyses.ch</a>
<br />__________________</p>]]></description>
      <pubDate>Thu, 04 Sep 2008 23:15:21 +0200</pubDate>
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    </item>
    <item>
      <title>Die Neunzehnte // 04.09.08</title>
      <link>http://www.tschyses.ch/</link>
      <description><![CDATA[<p>(Diese Woche gibt’s wegen meiner langen Diplompause gleich eine Doppelnummer! Also los...)</p><p>Neulich im Fotofachgeschäft um die Mittagszeit. Ein gestresster, junger Mann (ich) betritt das Geschäft, während sich ein pensioniertes und offensichtlich NICHT gestresstes Ehepaar eine digitale Spiegelreflexkamera verkaufen lässt. Man sollte das ja eigentlich begrüssen: Obwohl bereits mit einem Bein im Grab, noch immer rege interessiert an der neusten Technik. Sehr schön! Also warte ich. Die Frau dreht mir kurz ihr Gesicht zu und lächelt. Ich lächle zurück, ich bin ja ein freundlicher, junger Mann. Ich bemerke ihre sportliche, junge Sonnenbrille. Sehr cool! Ich bin ein bisschen beeindruckt, ich gebe es zu. Und auch der Opa scheint mit der Zeit zu gehen: Pilotenbrille. Klar, die kann auch von seiner Militärzeit her stammen. Aber egal, Pilotenbrillen sind ja wieder grausam in! Ein cooles, altes Ehepaar, das ihre Lust an der Digitalfotografie entdeckt hat. Rührend! Man einigt sich schliesslich auf ein Modell für 1'800 Franken und zückt die Goldkarte. Doch wo eine gewöhnliche Kaufhandlung eigentlich endet, geht in diesem Fall das Theater erst richtig los. Der Mann bittet die Verkäuferin (die einzige im Laden... um die Mittagszeit!), für ihn den Tragriemen auszupacken, an die Kamera zu pappen und zu justieren. Um die Mittagszeit!! «Sehr gerne, der Herr!» Wie?? Was?? Geht’s noch??!! Na dann, der Bändel wird ein erstes Mal eingestellt, der gute Herr hängt sich die Kamera um seinen fetten Hals, «zu tief!», also nochmals von vorne! Habe ich erwähnt, dass ich ein bisschen im Stress war? Die Verkäuferin hantiert mühsam am Bändel rum, da höre ich die alte Kuh sagen: «Häi, ist grad ziemlich viel los im Geschäft, gälled Sie?» JAAAA GENAU!!! Die Frau dreht erneut ihren Kopf und lächelt. Ich lächle NICHT zurück. Doch mein Nicht-Lächeln spürt sie garantiert nicht. Ich fange genervt an, mit den Fingern auf dem Tresen rumzutrommeln. Dann schnaufe ich. Ich schaufe ein zweites Mal ganz laut und schliesslich schnaufe ich wie ein angina-geplagter Elefant. Hilft nichts! Ich schüttle den Kopf. Sehen die zwei auch nicht, die sind zu sehr mit ihrer neuen Kamera und dem Bändel beschäftigt. Der zweite Justierungs-Versuch glückt natürlich auch nicht. Ich glaube, die Kamera hing zu hoch. Dann denke ich an diese Box-Automaten, die es früher an jedem Jugendfest gab. Vielleicht gibt es die heute noch immer, doch ich war schon lange auf keinem Rummelplatz mehr. Ich versuche mich an meine Maximal-Leistung zu erinnern und frage mich, ob das wohl ausreichen würde, um die zwei Sonnenbrillen-Rentner K.O. zu schlagen. Huch, der Tragriemen passt! Die Kamera hängt perfekt! Uff! Doch dann: «Könnten Sie uns vielleicht die Kamera noch kurz erklären?» KANNST DU NICHT SELBER LESEN DU ALTER PISSER??!! Man nennt das Papier-Teil im Karton BEDIENUNGSANLEITUNG!!! Darin kann man nachlesen, wie man die Kamera B-E-D-I-E-N-E-N muss. Das haben ganz schlaue Leute für ganz dumme Leute geschrieben. Die Frau schaut wieder zu uns anderen, seit Ewigkeiten wartenden Kunden rüber. Ich schaue sie an und sage: «Ich hoffe, Osama hat noch eine Bombe übrig und kommt persönlich nach Aarau und sprengt sich mit Ihnen beiden in die Luft, so dass ihre Milz bis nach Gösgen spritzt!» (Leider sage ich das nur in Gedanken. Doch ich bin sicher, ein sensibler Mensch hätte genau diese Worte von meiner Mine ablesen können.) Die Verkäuferin scheint aber mittlerweile doch nicht mehr jeden Rentner-Seich mitzumachen und begnügt sich mit dem Erklären der allerwenigsten Basic-Funktionen. DANKE!!!! (Zusammengestaucht habe ich sie später dennoch, aber das hatte andere Gründe... ja, es gab GUTE Gründe!) Das Rentnerpaar gibt sich zufrieden und lässt sich die Kamera wieder in den Karton packen. Die Frau, ganz redselig, erzählt nun der Verkäuferin von ihren Ferien. Sie waren zwei Wochen in Djerba, dort wurde ihnen die alte Digitalkamera gestohlen. Wie bitte? GESTOHLEN?? Ihre alte Digitalkamera wurde ihnen gemuckt und sie müssen jetzt 1'800 Franken umsonst berappen? Eintausendachthundert Franken??? Ich schaue aus dem Fenster des Fotofachgeschäfts, hinaus auf den tristen Betonplatz und da steht im Regen ein Engel, ihn umgibt ein strahlendes, gleissendes Licht. Er lächelt mich an und zwinkert mir zu. Da weiss ich: Es gibt doch noch ein bisschen Gerechtigkeit auf dieser Welt!</p>

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<p>© 2008 <a href="http://www.tschyses.ch/" target="_blank">tschyses.ch</a>
<br />__________________</p>]]></description>
      <pubDate>Thu, 04 Sep 2008 23:12:25 +0200</pubDate>
      <guid isPermaLink="false">die-neunzehnte-040908</guid>
    </item>
    <item>
      <title>Verschollen? // 01.09.08</title>
      <link>http://www.tschyses.ch/</link>
      <description><![CDATA[<p>Oder gar verstummt? Nein nein, der Kolumnenschreiber ist wohl auf. Naja, mehr oder weniger zumindest. Doch die letzten beiden Wochen waren doch eher stressig, da meine Diplomarbeit fertiggestellt und in der Messe Basel aufgebaut werden musste. Ich bitte also um ein Quäntchen Nachsicht und kann Ihnen versichern, ab Donnerstag ist alles wieder beim Alten: Meine Augenringe sind weg, ich höre keine Phantom-Kondukteure mehr im Zug, in meiner Küche sieht man das Fenster wieder und meine Laune dürfte sich dann auch wieder auf einem erträglichen Niveau eingependelt haben. Ich frage mich, wie gut gelaunt Napoleon jeweils war, aber vielleicht konnte der Kerl besser mit vier Stunden Schlaf umgehen. Vielleicht aber hätte auch ihm mehr Schlaf gut getan. Dann würden heute vielleicht auch die Russen Schnecken fressen und die Tour de France würde drei Monate dauern. Was für Lance Armstrong natürlich weiter kein Problem wäre, da einem ohne Hoden auch nach 20'000 Kilometern der Sack nicht schmerzen kann. Ich steige dann mal mit Palmolive und Scotch bewaffnet in den Ring – und wehe, ich treffe auf eine neue Fruchtfliegen-Kolonie in meiner Küche! Ich würde toben... mindestens so stark wie Gustav auf Kuba!</p>

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<p>© 2008 <a href="http://www.tschyses.ch/" target="_blank">tschyses.ch</a>
<br />__________________</p>]]></description>
      <pubDate>Mon, 01 Sep 2008 19:50:26 +0200</pubDate>
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    </item>
    <item>
      <title>«.ch»-Voting // 23.08.08</title>
      <link>http://www.studisurf.ch/punktch/voting</link>
      <description><![CDATA[<p><b>Please vote 4 me!!! Weil 2 Pekinger Goldmedaillen sind nicht genug!</b></p>

<p>Die neuste Kolumne hat leicht Verzug - die böse Diplomarbeit ist schuld! - doch es gibt grad VIEL Wichtigeres zu tun. Und zwar für euch:</p>

<p>Ich wurde von der Jury der Gratiszeitung «.ch» im Kolumnen-Wettbewerb unter die ersten 4 gewählt, doch nun gehts nur noch per Publikums-Voting weiter.</p>

<p>Also schaut doch bitte bitte (bitte bitte...) bei folgendem Link vorbei:</p>

<p><a href="http://www.studisurf.ch/punktch/voting" target="_blank">http://www.studisurf.ch/punktch/voting</a></p>

<p>... und gebt eure Stimme der Kolumne «Bierbauch»! Das wäre wunderbar, das wäre G-R-O-S-S-A-R-T-I-G!!! (Voting läuft nur bis am 31. August.) </p>

<p>Vielen herzlichen Dank! Und die «Neunzehnte» folgt auch in Kürze... </p>

<p>Gruss Severin.</p>

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<p>© 2008 <a href="http://www.tschyses.ch/" target="_blank">tschyses.ch</a>
<br />__________________</p>]]></description>
      <pubDate>Sat, 23 Aug 2008 13:06:17 +0200</pubDate>
      <guid isPermaLink="false">chvoting-230808</guid>
    </item>
    <item>
      <title>Die Achtzehnte // 14.08.08</title>
      <link>http://www.tschyses.ch/</link>
      <description><![CDATA[<p>Ich bekenne mich schuldig im Sinne der Anklage: Genozid!! </p><p>Nein, darüber sollte man keine Witze machen. Ist ja auch gar nicht lustig, so ein Genozid. Ich sehe mich schon im Fegefeuer, wo meine Strafe sein wird: Für die Dauer einer nie endenden Ewigkeit den immer selben Witz anhören müssen. Vielleicht diesen: Kommt ein Pferd in eine Bar und der Barkeeper fragt: «Wieso so ein langes Gesicht?» Ununterbrochen dieser vielleicht unlustigste Witz aller Zeiten! Das wäre grausamste Folter! Waterboarding dagegen erholsamste Wellness! Doch zurück ins Kriegsgebiet. Ein Konflikt, der nur aufflammte, weil ich einfach eine Spur zu faul bin. Diese Faulheit führte dazu, dass ich irgendwann den grünen Kompostkübel auf meinem Fenstersims abschaffen musste. Denn was als Zwischenlager erfunden wurde, funktionierte auch als Endlager ganz ordentlich. Nur leider verschimmelte irgendwann das Zeugs darin und wurde so richtig schön weiss, durch und durch, womit sich meine Lust erst recht verflüchtigte, den Kompostkübel in die grosse, grüne Komposttonne vor dem Hauseingang zu entleeren. Ja, vor dem Hauseingang. Zwei Treppen runter, Tür auf, Deckel hoch, Kompost rein, Deckel wieder runter, Tür zu, Zwei Treppen hoch, knapp eine Minute, fertig. Doch eben: Zu faul! Also schaffte ich den Kompostkübel ab und entschied mich für ein neues System: das Severin’sche Untertassen-Kompost-System (kurz SUKS). Die Küchenabfälle deponierte ich also fortan auf einem Untertassli und da hier das Aus-den-Augen-aus-dem-Sinn-Prinzip (kurz AdAadSP) nicht funktionierte, erhoffte ich mir, damit meine Faulheit zu überlisten. Aber diese ist gut, die ist richtig ehrgeizig, meine Faulheit. So blieb schon nach kurzer Zeit das Untertassli länger und länger in meiner Küche stehen, das SUKS liess erste Zweifel an seiner Genialität aufkommen. Aber egal, es war Winter, es gab dringendere Probleme. Etwa: Wie wate ich durch den Schneematsch, ohne dass sich meine Converse mit Nässe und Kälte voll saugen? Doch nun ist’s Sommer, da kenne ich keine Converse-Schneematsch-Probleme (kurz CSP – nicht zu verwechseln mit der gleichnamigen Partei!). Allerdings offenbarte jetzt das SUKS seine gravierendsten Mängel: Lässt man nämlich das Untertassli zwei, drei Tage in der Küche stehen, ohne die sich darauf befindenden Bananen-, Rüebli- oder Melonenschalen in die Komposttonne zu kippen – Sie erinnern sich: Die Tonne gleich vor der Haustür! –, dann schafft man ein Eldorado für die mit Abstand sinnloseste Spezies dieses Planeten. Eine Spezies gar sinnloser als Neonazis oder Tele2-Rangers: Genau, Fruchtfliegen! </p><p>Was ist der evolutionäre Sinn dieser Scheissdinger? Würde es der Welt schlechter gehen ohne Fruchtfliegen? Ich verstehe, die Welt braucht Spinnen! Denn sonst könnten sich Männer nicht als Helden aufspielen und massenhaft kreischende Frauen vor riesigen Spinnen retten. Dies wiederum lässt den Mann im Schein eines potenten Erzeugers erstrahlen, wodurch das menschliche Überleben gesichert wird, indem ganz viele Babys gezeugt werden. Das alles dank Spinnen! Demzufolge scheint es in Italien besonders wenig Spinnen zu geben! Oder die Männer dort haben furchtbar Angst vor Spinnen. Was auch ein bisschen den Südländer in mir erklären würde. Aber vom Südländer zurück zum Kriegstreiber. Carla del Ponte hätte viel eher MICH jagen müssen als irgendwelche serbischen Wunderheiler. Müridzic, der Schlächter des Fliegenfeldes! Denn eines Abends entdecke ich die feindliche Armee: Hunderte, wenn nicht Tausende von Fruchtfliegen belagern meine Küche. Es ist spät, keine gute Uhrzeit, um meine Artillerie aus dem Putzschrank zu holen – und damit meine Nachbarn aus dem Bett. Wie ein Samurai kämpfe ich folglich mit blossen Händen gegen eine überwältigende Überzahl. Ich halte mich tapfer, erleide keinerlei Verletzungen, erkenne aber, dass ich gegen Windmühlen kämpfe. Nun ja, ein guter Feldherr gönnt sich und seinen Truppen genügend Erholung, also lege ich mich schlafen. Doch kaum bricht der neue Tag an, da erklingen schon die Fanfaren (zumindest imaginär), da stürze ich zum Hangar (in Zeiten des Friedens auch mein Putzschrank) und hole meine gefährlichste Waffe heraus: Einen Hoover Studio 1500W. Tausendfünfhundert geballte Watts gegen mindestens ebenso viele Fruchtfliegen. (Interessant übrigens die Frage, ob sich die Fruchtfliegen über Nacht aus lauter Spass oder aus taktischer Überlegung schier unerschöpflich gepaart haben!) Der Kampf ist dennoch unausgeglichen, ich gebe es zu. Schon nach wenigen Minuten steht mein Sieg fest, meine Wunderwaffe zeigt Wirkung. Doch da ich keine Fruchtfliege die weisse Flagge schwenken sehe, fahre ich fort, bis auch die allerletzte Drecksfliege vom todbringenden Rüssel meines Staubsaugers verschlungen worden ist. Dann kehrt Ruhe ein. </p><p>Seither habe ich mich dem Frieden verschrieben und tröste mich immerhin minimal mit der Gewissheit, dass der Krieg notwendig war – sometimes a man has to do what a man has to do! Der Aggressor musste in die Schranken gewiesen werden. Und mein SUKS funktioniert seither auch wieder einwandfrei. Es ist eben schon so: Disziplin lernt man nicht in der Schule und auch nicht auf dem Kasernenhof! Nein, Disziplin lernt man ausschliesslich in der Küche.</p>

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<p>© 2008 <a href="http://www.tschyses.ch/" target="_blank">tschyses.ch</a>
<br />__________________</p>]]></description>
      <pubDate>Thu, 14 Aug 2008 23:48:19 +0200</pubDate>
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    </item>
    <item>
      <title>Die Siebzehnte // 07.08.08</title>
      <link>http://www.tschyses.ch/</link>
      <description><![CDATA[<p>Fragt man mich nach meinem Lieblingsfilm, gerate ich immer kurzzeitig ins Schleudern. Etwa so wie ein Deux-Chevaux, der sich im Schneetreiben über den Gotthard wagt. Ich stellte mal eine Liste aller Filme zusammen, die ich grossartig finde (und welche mir in dem Moment grad in den Sinn kamen). Es waren genau 30, darunter «In the Bedroom», «The Station Agent», «Hotaru no haka» sowie 27 weitere Filme, die man vielleicht sogar kennt. Wenn ich heute diese Liste durchgehe, merke ich, dass «Top Gun» fehlt. Dabei hält dieser Film noch immer den alleinigen Rekord in der Kategorie «Am häufigsten gesehen». Klar, «Top Gun» ist Army-gesponserter Propaganda-Müll und sollte gegen all meine Prinzipien verstossen. Aber äch... Prinzipien! Sind das gleiche wie Kondome: So heilig wie die zehn Gebote (ausser aus Sicht der katholischen Kirche), wird dir von Anfang an eingetrichtert, nichts kann damit schief gehen, gut und sauber wie Kurt und Paola. Aber dennoch: Ohne ist’s einfach besser! Dasselbe gilt übrigens auch für Velo-Helme. Und darum ist «Top Gun» geil, basta! Und noch ein Film fehlt auf meiner 30er-Liste: Nicht die Mutter aller Filme, dafür der vielleicht beste Film aller Zeiten: «Chasing Amy»!</p><p>Grossartig, eine Offenbarung! Ich sass – zum etwa vierten Mal, der «Top Gun»-Rekord könnte bald ins Wanken geraten – wie hypnotisiert vor dem Fernseher. Hätte Gott in dem Moment zu mir gesprochen oder wäre gar leibhaftig vor mir erschienen, ich hätte müde mit der Wimper gezuckt, hätte meinen Zeigefinger gegen die Lippen gepresst, um ihn zum Schweigen zu bewegen und hätte wieder in den Fernseher gestarrt. Klar, auch «Chasing Amy» ist nicht perfekt, hat sogar einen ziemlich krassen Makel: Ben Affleck. Der Junge hat Glück, dass er mit dem durchschnittlichen Frauengeschmack ziemlich komfortabel übereinstimmt. Andernfalls hätte man ihn nach diesem Auftritt von jeder Provinz-Bühne verbannt. Aber «Chasing Amy» liefert den Beweis, dass gute Filme auch von schlechten Schauspielern nicht ruiniert werden können. Gleiches gilt für «Top Gun». Doch Tom Cruise hatte immerhin den Vorteil, dass er in Flieger-Overall, weisser Navy-Uniform und hach, seiner Fliegerbrille einfach sehr gelungen verpackt war. Doch was in aller Welt trägt Ben Affleck? Nach 41 Minuten schlägt er alle Negativ-Rekorde mit einem etwas zu weiten, weissen Woll-Pullover! Hübsch. Das Traurige ist nur, dass ich so ziemlich denselben auch mal hatte. Darin sieht man bestenfalls aus wie ein norwegischer Dichter, doch viel eher wie ein neufundländischer Krabben-Fischer. Und wir wollen nicht aussehen wie alkoholgetränkte Dichter und windgeschändete Fischer! Ein paar Szenen später bleibt mir das Lachen definitiv im Hals stecken. Ben trägt einen lila Pullover mit diesem besonderen Extra: Eine Naht definiert ein auf dem Kopf stehendes Dreieck – genau auf der Höhe des Brustbeins. Diesen modischen Gäg habe ich damals schon nicht verstanden, damals als ich genau denselben Pullover in senfgelb hatte! Und auch meine Jeans waren eine Spur zu hell und eine Spur zu unförmig. Scheisse, der Kerl hat meine Berghilfe-Kleidersammlungs-Säcke geklaut!</p><p>Und noch was erkenne ich an diesem Abend vor dem Fernseher schmerzhaft, doch dazu muss ich kurz ausholen: Ich bin ziemlich stolz auf drei Sätze, welche richtige Bonmots sind. Richtige Lebensweisheiten, herangezüchtet in 26 Jahren puren Lebens. Sonnengereift und regengetränkt – in idealer Abwechslung für richtig saftige Früchte. Doch ich wusste, eines dieser Bonmots ist geklaut, da es einem Film entspringt – «Frida» nämlich. Dieser eine Satz ist wie das Kuckuckskind, über das man aber von Anfang an Bescheid weiss. Ja, Alfred Molina zeugte es. Doch die andern beiden Sätze waren mein eigen Fleisch und Blut, diese Sätze hatte ICH erfunden. Der eine davon kommt jedoch nicht in jeder Gesellschaft gut an, wie ich erkennen musste, dennoch ist es der elegantere der beiden. Kurz, prägnant, eine Messerklinge unerschütterlicher Wahrheit durch naive, butterweiche heile Welt. Der zweite Satz ist nicht ganz so elegant, man kann ihn unmöglich in nur einem Atemzug zu Ende sprechen, man muss Pausen dazwischen einlegen, kann dafür aber ein paar schöne Gesten einstreuen. Dieser zweite Satz definiert meine liberale Geisteshaltung und ist unteilbar mit meiner Persönlichkeit verknüpft. Mein Lieblingskind, der Nachfolger meines Geschäfts (wenn ich denn ein Geschäft hätte), ganz der Papi, man muss ihn einfach gern haben! (Letzteres gilt natürlich nur für jene, die auch den Papi gern haben.) Doch dann dies: Ich sitze nichts ahnend vor dem Fernseher, Gott noch immer neben mir, wie er mit seinem Gelaber um meine Aufmerksamkeit buhlt, auf der Mattscheibe der beste Film aller Zeiten und dann dies: Joey Lauren Adams liegt im Bett neben Ben Affleck. Sie raucht. Er auch und selten sah Rauchen dämlicher aus als bei Herrn Affleck. Sie hört auf zu rauchen und säuselt mit sexy aufgerauter Whiskey- und Zigaretten-Stimme meinen Satz. Ja, meinen Satz! Und sieht dabei natürlich auch noch besser aus als ich, mit ihren spitzen, nackten Brüsten und der Zigarette zwischen ihren gespreizten Fingern. Mein Satz aus fremdem Mund! Mein Lieblingssohn, meine Identität, mein Fleisch und Blut. Endlich verstehe ich, wie schrecklich es sein muss, wenn man nach Jahren herausfindet, dass man nicht der Vater seines Kindes ist. Denn mindestens ebenso schrecklich ist es rauszufinden, dass man nur noch der Autor eines einzigen Bonmots ist. Zwei wunderschöne, tiefgründige Bonmots sind fremdgezeugt, mir bleibt nur noch der Rotzbengel, den man nicht in jeder Gesellschaft loslassen kann. Was als ruhiger DVD-Abend in trauter Umgebung gedacht war, endete in einer tiefen Identitätskrise. Will ich es das nächste Mal ein bisschen gemütlich haben, dann gehe ich eine Tankstelle überfallen.</p>

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<p>© 2008 <a href="http://www.tschyses.ch/" target="_blank">tschyses.ch</a>
<br />__________________</p>]]></description>
      <pubDate>Thu, 07 Aug 2008 17:33:14 +0200</pubDate>
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    <item>
      <title>Die Sechzehnte // 31.07.08</title>
      <link>http://www.tschyses.ch/</link>
      <description><![CDATA[<p>Ehrgeiz. Zusammengesetzt aus dem positiven Teil Ehre und seinem negativen Beigeschmack Geiz. Auch nach knapp 27 Jahren ist mir noch immer nicht ganz klar, wann dieses sonderbare Gefühl in mir geweckt wird und wann eben nicht. Im Augenblick sitze ich mit meiner alten Mathe-Formelsammlung aus meiner Kanti-Zeit am Tisch und frage mich, ob der systeminterne Taschenrechner meines Macs meinen Ansprüchen genügt. Vermutlich täte er dies tadellos, doch mein Mathwissen ist einfach eingerostet oder gänzlich abhanden gekommen. Ist ja auch 7 Jahre her. Häi nomol! Angefangen hat alles mit einem Flugzeug, das auf vermutlich normaler Reisehöhe von Osten nach Westen geflogen ist, während ich an meinem Falafel knabberte und zum Himmel hochblickte. Es hinterliess einen endlos langen Kondensstreifen, so dass dieser über die gesamte Länge des Himmels innerhalb meines Himmel-Sichtfeldes (vom Balkon aus betrachtet) reichte. Mathematik ist nicht nur reichlich kompliziert in den Berechnungen, man kann nicht mal unkompliziert darüber sprechen. Dieses Himmel-Sichtfeld wird im Osten und im Westen je von einer hohen Tanne begrenzt, dazwischen sehe ich den Himmel. Und diesen zierte heute Abend ein endlos langer Kondensstreifen. Während ich so auf meinen frittierten Kichererbsen-Bällchen rumkaute, fragte ich mich, wie lange wohl der Kondensstreifen dieses Flugzeuges ist und daraus leitete ich irrsinnig falsch, aber ein bisschen philosophisch die Frage ab: Wie viel Himmel sehe ich von meinem Balkon aus? Wäre Albert Einstein neben mir gesessen und hätte sich vielleicht an einem Dürüm gelabt, hätte er mir diese Frage ruckzuck beantworten können. Doch Albert war nicht zu Besuch, nicht mal einer meiner ehemaligen Mathelehrer und ausser der Nachbarskatze war niemand da, der oder die über einen grösseren IQ verfügte als meine Flip-Flops, also musste ich mit meinem eigenen IQ vorlieb nehmen. Ein wahrlich schwieriges Unterfangen! Und so sitze ich seit einer geschlagenen Stunde am Tisch mit der alten Formelsammlung vor mir und versuche, die Länge des Kondensstreifens zu ermitteln. Trigonometrie, ebenes Dreieck, Sinussatz, Cosinussatz, Ankathete, Gegenkathete, Hypotenuse und der ganze Quatsch, ich dachte, euch müsst ich nie wieder begegnen! Aber mein Ehrgeiz hat euch wachgerüttelt und nun seid ihr die Geister, die ich rief und nicht mehr zu bändigen vermag. Denn was mein Macintosh-Rechner ausspuckt, macht leider wenig Sinn. Meinen alten Kanti-Monster-Taschenrechner TI-85 auszugraben, erscheint mir doch leicht übertrieben. Würde an krankhaften Ehrgeiz grenzen, wie ich finde. (Weiss zudem nicht mal, ob ich das Ungetüm seinerzeit mit nach Aarau gezügelt habe.) Meiner ersten Berechnung zufolge war der Streifen 5 Kilometer lang. Bei einer geschätzten Flughöhe von 10 Kilometern und einem Winkel (nennen wir ihn mal Gamma) von zirka 100 Grad, welcher gegenüber des Kondensstreifen zu liegen kommt, lässt das unendlich viele Zweifel an der Richtigkeit meiner Berechnungen zu. Beim zweiten Versuch komme ich immerhin auf 13 Kilometer. Doch das komatöse Mathe-Genie in mir bemerkt, dass bei einem Winkel von über 90 Grad alles unter 14,14 Kilometern herzlich wenig Sinn macht. Bravo! Albert würde vielleicht ein winziges Quäntchen Hoffnung ausmachen. Winzig, aber existent! Nun gut, pragmatisch betrachtet – was mich zwar an einer Mathe-Prüfung auch nicht retten würde – ist der Kondensstreifen an diesem Mittwoch Abend irgendwas über 14 Kilometer lang, sagen wir mal 16! Oder so. Gehen wir nun weiter davon aus, dass es sich beim Flugzeug um eine Boeing 737-800 gehandelt hat (weil jede dritte Maschine, die von einem deutschen Flughafen aus startet, der Boeing 737er-Familie angehört... und was für Deutschland gilt, gilt vielleicht auch für unsern Luftraum...), so verrät uns Wikipedia, dass dieser Flieger mit 852 km/h unterwegs war. Bremswirkung des Windes nicht mit einberechnet. Die Erdkrümmung würde vielleicht auch noch eine Rolle spielen. Aber huch, man kann ja nicht auf alles Rücksicht nehmen! Das heisst also, ein Flugzeug des Typs Boeing 737-800 ist genau 1,12676 Minuten an meinem Himmel-Segment sichtbar. Das Wort «genau» ist natürlich auf Grund meiner vorangehenden Ungenauigkeiten sehr relativ, wie Albert einwenden würde. Korrekt. Aber kommt in etwa hin. Und da sage mal einer, alleine essen sei langweilig!</p><p>Aber eigentlich wollte ich über etwas ganz anderes schreiben in Bezug auf Ehrgeiz. Über die Tatsache nämlich, dass ich nicht gemütlich schwimmen kann, dass ich es einfach nicht ertrage, von anderen Schwimmern überholt zu werden, dass ich dann alle Vorsätze von wegen «So, jetzt nimmst du es mal gemütlich Sevi!» innerhalb weniger Sekunden (vielleicht 1,12676 im Schnitt...) über Bord werfe und schwimme, als wäre ich in Peking in der Bahn neben Michael Phelps. Und mein Ehrgeiz beginnt im Schwimmbecken Früchte zu tragen. So bin ich mittlerweile tatsächlich schneller als Kinder (bis 14 Jahre), die meisten Pensionäre sowie Behinderte. Darüber hinaus auch deutlich schneller als die Neu-Schweizer mit ihrem sonderbaren Adria-Crawl-Stil und eigentlich auch schneller als ALLE Pensionäre. Wäre da nicht dieser eine Kerl: Ehemaliger Polizist und selbst dann schneller, wenn ich am Brust-Weltrekord zu kratzen scheine. Zumindest in meiner eigenen, persönlichen Einschätzung. Allerdings ist auch diese, ich gebe es zu Albert, ziemlich relativ.</p>

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<p>© 2008 <a href="http://www.tschyses.ch/" target="_blank">tschyses.ch</a>
<br />__________________</p>]]></description>
      <pubDate>Thu, 31 Jul 2008 11:18:55 +0200</pubDate>
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    </item>
    <item>
      <title>Die Fünfzehnte // 24.07.08</title>
      <link>http://www.tschyses.ch/</link>
      <description><![CDATA[<p>«Hätte ich doch!» – Einer dieser Sätze, die sich im Leben ansammeln wie der Staub auf einer schwarzen Stereoanlage oder wie der Abfall in den Strassen Neapels. Aber nein, König Silvio hat ja aufgeräumt, Neapel ist wieder sauber und eine Reise wert. «Hätte ich doch...» wird sich nun auch Romano sagen. Doch er hat nicht, also kam Silvio. Mal wieder. «Hätte ich doch...» sagt sich heute vielleicht auch unser Sämi. Hätte ich doch den Bundesrat nicht aus Versehen angelogen – so ganz unabsichtlich, so ganz nebenbei. «Hätte ich doch...» seufzte vielleicht auch Bill. Ja genau, Präsidenten-Bill aus Hope, Arkansas. Hätte ich doch noch ein paar weitere Male mit Monica, bevor mir Hillary auf die Schliche kam. Doch Bill hat nicht und Sämi hat nicht und auch wir tun diverse Male nicht, so dass es eben zu diesen Sätzen kommt: «Hätte ich doch!» Sie sind meistens etwas mühsam, diese Sätze. Man muss eingestehen, dass man nicht hat, als man gewollt hätte. Es gibt dabei natürlich ganz tragische und folgenschwere Beispiele – wohl in jedem Leben eines jeden Menschen. Aber ich schreibe keine Erfolgsromane und keine Oscar-prämierten Drehbücher, bloss diese niedliche Kolumne, also lassen wir mal das Tragische beiseite. Denn es gibt ja auch die ganz niedlichen «Hätte ich doch»-Episoden. </p><p>So ärgere ich mich bis heute – es sind immerhin 4 Jahre vergangen seither – dass ich nicht machte, als ich hätte tun können. Ja, hätte ich doch! Es war in Mexiko, im April 2004 in Oaxaca. Es war Ostern, alle Mexikaner würden verrückt spielen und würden sich an irgendwelche Kreuze nageln, was sich halt grad zum Drannageln eignen könnte und alle würden bluten und kreischen. So beschrieb es immerhin mein Reiseführer. Doch das stellte sich als heillos übertrieben raus. Genauso, wie «Spring Break» in Cancún in Wahrheit nicht so aussieht wie in den RTL 2-Reportagen. Einerseits schade, andererseits wäre das wohl ein guter Nährboden geworden für spätere «Hätte ich doch»-Sätze. Allerdings eher einzuordnen in die Kategorie «Folgenschwer». Doch zurück nach Oaxaca. Es war Ostern und ausser ein paar Mariachis kreischte niemand. Also entschied ich mich weiterzureisen. Nach Huautla de Jiménez. Klingt schön, ist auch schön. Zumindest wenn man blind ist und seinen Geruchsinn verloren hat. Auch auf YouTube sieht der Ort nicht sympathischer aus! Aber das wusste ich damals noch nicht, also wollte ich hin. So ging ich ein Busticket kaufen und jetzt kommt dieser Moment: Ich stand in der Ticketeria und ratterte mein Sätzchen runter, dass ich ein Ticket wolle für einen Bus zweiter Klasse (ist billiger, ist authentischer, ist alternativer, ist cooler, geht dir nach spätestens zwei Monaten brutal auf den Sack, aber bis dahin ist es cooler, alternativer und authentischer!) Dann fragte mich der Ticket-Verkäufer nach meinem Namen. Man wird immer nach dem Namen gefragt, das wirkt professionell und der Name steht dann auf dem Busbillett. Ich sagte also meinen Namen und der Mann hinter dem Schalter fackelte nicht lange rum, da er vermutlich irgendwie dachte: «Ui, das ist kein mexikanischer Name! Soll ich ihn buchstabieren lassen? Doch diese Drecks-Touris können ja eh nicht spanisch buchstabieren, also scheiss’ drauf!» Das Denken brachte er ganz schnell hinter sich und riss im nächsten Augenblick bereits seine Tastatur aus dem angestammten Plätzchen und hievte sie über seinen Desk: «Da, tipp selber!» Und jetzt kommt der Ursprung meiner späteren Reue: «Hätte ich doch!» Zugegeben, mein Leben hätte sich keinen Millimeter verschoben, ich hätte heute noch gelegentlich Heuschnupfen und eine permanente Abneigung gegen Bacardi-Cola. Und der Schmetterlingseffekt wäre genauso ausgeblieben. Es wäre nichts passiert, zugegeben! Aber dennoch, der Gedanke huschte mir in genau diesem Augenblick durch den Kopf, als ich kurz leicht verwirrt auf die Tastatur blickte. Wussten Sie übrigens, dass man den Affenschwanz auch mit Alt und 64 erzeugen kann? Aber ich glaube, das dachte ich in dem Moment nicht, kann es aber auch nicht gänzlich ausschliessen. Ich sah also den Gedanken vorbeihuschen, winkte ihm noch leicht amüsiert zu und tippte dann: S-e-v-e-r-i-n-Leertaste-M-u-e-r-i (denn es gibt ja kein «ü» in Mexiko. Dafür aber ein «ñ», doch das hilft einem herzlich wenig, wenn man Severin Müri heisst. Dann bekam ich das Ticket und stieg als ich in den Bus zweiter Klasse. Später warf ich das Ticket in Huautla in den Müll. Oder auf die Strasse, aber das war sowieso in etwa dasselbe. Doch wenn ich damals getan hätte, was ich mir kurzzeitig sogar überlegte zu tun, ja dann hätte das Ticket einen Ehrenplatz in meinem Fotoalbum gekriegt. Und jeder, der das Album später durchgeblättert hätte, der hätte kurz kichern, lächeln oder in irgendeiner Form grinsen müssen. Nur ganz kurz, für eine Verschiebung des Universums hätte es natürlich nicht gereicht, keine Frage. Es wäre bloss ein ganz kurzes, isoliertes Lächeln gewesen, dann hätte er weitergeblättert. Oder sie. Und dennoch, hätte ich damals, so gäbe es heute diesen lästigen Satz nicht – zumindest einen weniger in meiner reichen Sammlung. Ja, hätte ich doch!</p>

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<p>© 2008 <a href="http://www.tschyses.ch/" target="_blank">tschyses.ch</a>
<br />__________________</p>]]></description>
      <pubDate>Thu, 24 Jul 2008 23:59:11 +0200</pubDate>
      <guid isPermaLink="false">die-fünfzehnte-240708</guid>
    </item>
    <item>
      <title>Die Vierzehnte // 17.07.08</title>
      <link>http://www.tschyses.ch/</link>
      <description><![CDATA[<p>Gewisse Dinge lernt man nie. Mir geht es ein bisschen mit einer der eigentlich elementarsten Beschäftigungen des Lebens so: dem Schlafen! Ich hab’ nie verstanden, wie andere das machen. Sich hinlegen, die Augen schliessen, zack und weg! Bei mir dauert es Nacht für Nacht mindestens eineinhalb Stunden, bis ich schliesslich weggedriftet bin. Aber es bringt einem ja auch niemand bei, wie man schläft! Für alles andere gibt es Kurse, Prüfungen und Diplome, nur nicht fürs Schlafen. Ich vermute, es muss irgendwann im frühsten Kindesalter passiert sein, all die Umstellungen waren wohl einfach zu viel für mich: Für den Stuhlgang neu auf die Toilette und schlafen plötzlich nur noch nachts! Das erste schaffte ich mehr oder weniger bravourös, doch der Wechsel meiner Ruhezeiten offenbarte die Unmöglichkeit, mich mit dem gesunden, calvinistischen Tag-Nacht-Rhythmus zu arrangieren. Nur einmal gelang es mir, eine konstante Phase von immerhin einem halben Jahr aufrechtzuerhalten, während der ich innerhalb einer Viertelstunde einzuschlafen vermochte. Diese Meisterleistung hatte ich einem typisch amerikanischen Motivations-Video zu verdanken, welches angeblich so geheim sein sollte, wie es der Titel nahe legte. Eigentlich verfolgte mein daraus abgeleitetes und allabendlich rezitiertes Mantra andere Ziele, hatte aber immerhin den angenehmen Nebeneffekt, dass ich nach spätestens fünfzehn Minuten eingeschlafen war. Leider verblasste nach einem halben Jahr die Wirkung und so habe ich mich wieder zurückverwandelt in ein schlafloses, augengeringtes Nachtwesen. In all den Jahren habe ich aber festgestellt, dass man sofort einschläft, wenn man einfach nur nichts denkt. Es ist allerdings äusserst anstrengend, nichts zu denken. Oft schleicht sich nach kurzer Zeit doch wieder irgendein Gedanke ein. Daher ist es mir meistens zu mühsam, nichts zu denken, also starr’ ich lieber die Zimmerdecke an.</p><p>Gestern Nacht versuchte ich es nun mit Käpt’n Blaubär, dem Hörbuch von Walter Moers. Dieses brachte mir nämlich bei meinem ersten Versuch damit innert kürzester Zeit (sicher weniger als dreissig Minuten!) geruhsamen Schlaf, nachdem ich damals stundenlang wegen Bauchkrämpfen wach gelegen hatte. Bereits hatte ich begonnen, mir Vornamen (weibliche sowie männliche) zu überlegen, da ich allmählich an ein medizinisches Wunder und an meine Fähigkeit, unter meinem Bierbäuchlein Kinder auszubrüten, zu glauben begann. Doch gestern Nacht versagte auch der putzige Käpt’n Blaubär seinen Dienst, indem ich von anhaltenden Lachkrämpfen heimgesucht wurde. Was zwar durchaus Sinn und Zweck des Hörbuchs wäre, sabotierte in dem Moment meine Suche nach ein bisschen Schlaf. Als nächstes kramte ich meinen iPod hervor und spielte ein paar Runden Solitaire. Aus den paar wenigen Runden wurden ein paar viele und nach genau einer Stunde und achtzehn Minuten hatte ich das blöde Spiel gebodigt. Zufälligerweise fiel das Ende genau mit den letzten Tönen meiner Playlist «_good» zusammen. Mika verneint im betreffenden Song zwar die Möglichkeit eines Happy Ends, doch nach einer Stunde und achtzehn Minuten endlich eine Partie Solitaire zu Ende spielen zu können, kommt einem Happy End schon ziemlich nahe! Na gut, glücklich einzuschlafen innert fünf Minuten, käme diesem Ideal vielleicht gar noch näher! Dennoch ist das Ende des Spiels leicht enttäuschend. «Wir haben einen Gewinner!» steht da auf dem Display und das war’s. Das ist in etwa so, als würde man den New York Marathon gewinnen, doch keiner wartet im Ziel, um dir zuzujubeln. Das geht doch nicht! Auf unserm alten Compaq tanzten immerhin stundenlang die Jasskarten! Davon sind allerdings nur die ersten zehn Minuten tatsächlich bezeugt, schliesslich hat man selbst als Kind besseres zu tun, als den Jasskarten stundenlang beim Tanzen zuzuschauen. Leicht enttäuscht (aber dennoch zufrieden) drehte ich mich zur Seite und hatte nun endgültig Grosses vor: Ich würde jetzt einschlafen!</p><p>Denkste! Eine halbe Stunde später lag ich noch immer wach, der Wecker zeigte unterdessen gnadenlos 04:15 auf seinem giftgrünen Display! Und wenn Sie glauben, diese Kolumne sei im üblichen Umfang in Kürze zu Ende geschrieben, dann haben Sie sich genauso getäuscht, denn eine nie enden wollende, schlaflose Nacht kann man nur durch eine ebenso endlos lange Kolumne annähernd akkurat beschreiben! Also sagen Sie ihre Pläne für heute ab, aber subito, der Text geht gnadenlos weiter!</p><p>Gelegentlich sagt man mir, ich solle mir nicht so viele Gedanken machen. «Sevi!», sagt man dann, «mach dir doch nicht immer so viele Gedanken!» Doch ich muss in diesem Zusammenhang anfügen, ich bin es einfach unglaublich geübt, mir so viele Gedanken zu machen. Ich glaube, ich habe nie eine andere Tätigkeit mit solcher Ausdauer, Konstanz und Inbrunst ausgeübt, wie das mir Gedanken Machen. Mit Handball hörte ich schon nach wenigen Trainings wieder auf, in der Tennishalle hielt ich es nicht viel länger aus, Tai Chi kenne ich nur noch dem Hörensagen nach, doch wenn ich in einer Disziplin Weltmeister werden könnte, dann im mir Gedanken Machen. Denn hier übe ich täglich mindestens eine Stunde! Vielleicht hätte ich es zum Soloflötisten gebracht, wenn ich früher ebenso ausdauernd auf meiner Blockflöte geübt hätte. Irgendwann bemerkte ich also – gefangen in meiner Gedankenwelt, das Tor zum Reich der Träume weiterhin versperrt – die zwar unsinnige, aber dennoch nicht minder interessante linguistische Nähe von Kofi Annan zu Coffee Anal. Dann fragte ich mich, ob solche Gedanken wohl als rassistisch, sexistisch oder beides eingestuft würden. Das führte mich zu M. Anal, eine angeblich real existierende Person in den USA, die ich mal im Internet aufgespürt hatte, als ich nach lustigen Nachnamen suchte. (Ausgangspunkt dieser Expedition war eine Sekretärin namens Vogler. Richtig lustig wird es zwar erst, wenn Herr Anal und Frau Vogler eine Ehe eingehen würden.) Seither bekomme ich stets eine Benachrichtigung, sobald Herr M. Anal irgendwelche Informationen an seinem digitalen Profil ändert, was er in regelmässigen Abständen tatsächlich tut. So überlegte ich mir im Anschluss daran, wie viele Kollegen ich habe, die bekennenderweise schwul sind. Die Liste ist recht kurz, ich kam auf zwei. Bei aber mindestens doppelt so vielen schwebt zumindest die Vermutung in der Luft. Dann fragte ich mich, ob Jamie Oliver vielleicht auch schwul sein könnte. Dann hätten er und Betty Bossi nämlich mindestens eine Gemeinsamkeit: Beide schlafen mit Männern! Natürlich war auch dieser Gedanke wiederum nicht minder unsinnig, da Betty Bossi gar nicht real existiert. Jamie Oliver seinerseits, so hirnte ich weiter, hat vermutlich nie Sex, ohne dabei nicht zumindest die Möglichkeit in Betracht zu ziehen, die auftretende Stoss-Energie zum Mörsern irgendwelcher Kräuter zweckzuentfremden. Dann betrachtete ich das Wort Mörser von allen Seiten und entfernte in Gedanken die beiden Rs, woraufhin ich ziemlich kindisch zu kichern begann. Schliesslich kam ich über Jamie Oliver auf meine Barçelona-Reise mit Tom (womit wir das homosexuelle Spektrum meiner Gedankenwelt endgültig verlassen haben) und fragte mich erneut, ob wir dort wohl tatsächlich mit dem echten John Malkovich gemütlich geplaudert haben in einem ebenso gemütlichen Restaurant im gemütlichen Jahr 1998. Ich war gerade dabei, in Gedanken eine Liste mit allen Filmen, in denen John Malkovich mitspielte, zu erstellen und bemerkte dadurch nicht, wie sich der Schlaf heimlich nun doch heranschlich und mich gerade in dem Moment, als ich bei Film Nummer 7 ½ angelangt war, zu Boden warf. Ich war zack und weg! Ein Moment der Stille. Dann: Halleluja! – natürlich in der Version des schwulen Rufus Wainwright.</p>

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<p>© 2008 <a href="http://www.tschyses.ch/" target="_blank">tschyses.ch</a>
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      <pubDate>Thu, 17 Jul 2008 00:17:12 +0200</pubDate>
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    <item>
      <title>Die Dreizehnte // 10.07.08</title>
      <link>http://www.tschyses.ch/</link>
      <description><![CDATA[<p>Es ist zweifelsohne eine der nervigsten Erfindungen der Neuzeit: Handys mit integriertem Lautsprecher zum Musik laut Abspielen. Ja, LAUT! Gut, das Problem kannte man bereits früher. Doch dazumal musste noch ein üppig schwerer Ghettoblaster auf der Schulter mitgeschleppt werden und die Batterien reichten knapp für ein Musikkassettli. (Das war noch vor Duracell!) Dann kam die gute, abgekapselte Welt der Walkmans. Man stöpselte sich Kopfhörer in die Ohrmuscheln, das Problem schien gelöst. Doch schon bald hatte ein hassenswerter Ingenieur von Sony Ericsson die geniale Idee, einen Lautsprecher ins Mobiltelefon zu integrieren. Ich hoffe inständig fürs Firmenimage, dass zumindest einer in der Entwicklungsabteilung mit grossem Fragezeichen auf der Stirn gefragt hat: «Wozu?» Ja, wozu verdammt?! Doch der Zweifler, der letzte Verfechter von Kultur und des friedlichen Zusammenlebens, wurde überstimmt. Seither haben wir den Salat. Man müsste die Achse des Bösen neu durch Schweden und Japan ziehen! Denn was ist so eine klitzekleine Atombombe schon gegen eine Armee von minderjährigen Ruhestörern?</p><p>So geschieht es also immer häufiger, dass irgendwelche Jugendliche (huch, ich gehe ja auch schon bald auf die 30 zu...) an einem vorbeilaufen und ihr Mobiltelefon spazieren führen. Dieses scheppert dabei laut, nervig und gnadenlos vor sich her. Über die Tatsache, dass die Musik quasi ausnahmslos aus Fliessband-Hip-Hop sowie einfallslosem Bling-Bling-R’n’B besteht und sich seit drei Jahren keinen Ton verändert hat, mag ich ja noch halbwegs hinwegsehen (bzw. –hören). Doch vollends auf den Sack geht mir diese himmeltraurige Soundqualität! Hey Jungs und Girls, was da aus eurem Handy kommt, war mal als Musik gedacht! Und Musik ist Kultur! Genau wie man keine Bücher verbrennt, sollte es ebenso verboten sein, die Ohren der Mitmenschen mit einer solchen Scheissqualität zu foltern. Ich verlange von euch ja nicht, dass ihr euer Erbe vorbezieht und davon High-End-Boxen kauft. Ist schon okey, wenn ihr auch unterwegs von Rihanna oder 50 Cent zugemüllt werden wollt. Aber hey, der Sound aus eurem Handy klingt in etwa so, als würde ich mein altes Transistor-Radio unter eine umgedrehte Pfanne stecken und voll aufdrehen. Es scheppert wie die Sau! Und das lässt ihr als Musik durchgehen? Diese angebliche Musik ist ihrer Seele beraubt! Das ist wie Kochen ohne Salz, Angeln ohne Köder, Operieren ohne Narkose, ein Airbag ohne Luft, ein Garten ohne Blumen, ein Bier ohne Alkohol, ein Zug ohne Klimaanlage, ein Pool ohne Wasser, ein Flugzeug ohne Pilot, ein Stier ohne Hoden, eine Suppe ohne Löffel, ein One Night Stand ohne Ständer, eine Schulreise ohne Cervelat, ein Lunapark ohne Auto-Scooter, James Bond ohne Bösewicht, Amy Winehouse ohne Drogen, Rosamunde Pilcher ohne Sülze, Schnipo ohne Ketchup, Berliner ohne Konfitüre, Kliby ohne Caroline, Michael Moore ohne Bush, die Schweizer Nati ohne Frei, ein türkischer Film ohne Untertitel, Gilbert Gress ohne Brille, eine Schatztruhe ohne Schlüssel, ein Bankkonto ohne Geld, ein Kater ohne Alka Seltzer, ein Sumoringer ohne Übergewicht, Pamela Anderson ohne Titten, ein Guerilla ohne Zigarre oder «Speed 2» ohne Keanu Reeves. Kurzum: Einfach absolute Scheisse!</p><p>Kauft euch doch für zwanzig Franken einen Kopfhörer und ihr werdet eine neue Welt entdecken, das versprech’ ich euch! Dafür müsst ihr nicht mal raus aufs Meer fahren, müsst keine tollkühnen Gefahren auf euch nehmen, weder gegen Skorbut noch Meutereien kämpfen. Nein, nichts dergleichen! Es ist ganz einfach, der InterDiscount hält für jeden von euch den Schlüssel fürs Paradies bereit. Andere sprengen sich dafür per Dynamitgürtel in die Luft. In Tel Aviv, Damaskus oder sonst wo. Das dürft ihr natürlich auch gerne tun. Dann kriegt ihr eure Jungfrauen und ich endlich mal wieder Ruhe während dem Zugfahren!</p>

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<p>© 2008 <a href="http://www.tschyses.ch/" target="_blank">tschyses.ch</a>
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      <pubDate>Thu, 10 Jul 2008 12:13:35 +0200</pubDate>
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      <title>Die Zwölfte // 03.07.08</title>
      <link>http://www.tschyses.ch/</link>
      <description><![CDATA[<p>Ich kriege sie einfach nicht raus! Hat sich den Tag durch in meine Wohnung geschlichen und ist über Nacht geblieben. Das Fenster sperrangelweit geöffnet, doch ans Gehen denkt sie nicht. Ich kann in ihrer Gegenwart nicht schlafen, höchstens hie und da ein paar Augenblicke lang dösen, dann liege ich wieder wach. Ich brauche gar nicht erst das Licht anzuknipsen, um mich ihrer Gegenwart zweifelsfrei zu vergewissern. Verdammt, ich fluche leise, doch auch dies vermag sie natürlich nicht zu vertreiben. Sie hat sich definitiv entschieden zu bleiben. Auch heute Nacht wieder. Vielleicht geht sie morgen, doch heute Nacht bleibt sie. Am Morgen fühle ich mich wie gerädert und denke darüber nach, einen Ventilator an die Decke zu schrauben. Doch aus Angst, eines Nachts von diesem Mordsding geköpft zu werden, verzichte ich darauf. 26 Grad zeigt das Thermometer – morgens um acht Uhr! Heisse, schlaflose Nächte kann man sich auch anders vorstellen. Doch nächtigt die schwüle Sommerhitze bei einem, bedeutet dies Schwitzen ohne gleichzeitige Glücksmomente. Das Endorphin bleibt im Körper und so manches andere auch.</p><p>Doch eigentlich fühle ich mich dann jeweils ein bisschen schlecht, denn ich kenne mich ja gut genug, um voraussagen zu können, dass ich beim ersten Nebel verhangenen Herbstmorgen wieder über das saublöde Schweizer Klima fluchen werde. Ist’s dagegen mal zwei, drei Wochen so richtig Sommer, ist’s also auch wieder nicht recht! Geniessen sollte man diese seltenen Tage, die mit Flip-Flops und kurzen Hosen beginnen und auch genauso wieder enden. Dazwischen schwitzt man aus allen Poren und unterzieht das Deo dem ultimativen Härtetest. Sich darüber zu beklagen, ist irgendwie idiotisch, denn im Herbst, wenn ich ganz unverbindlich den Schal zu suchen beginne, werde ich mein Konto plündern (falls es meine Bank bis dann noch gibt), nur um am andern Ende der Welt aufs Neue die tropische Sommerluft mit meinem Schweiss zu schwängern. Klingt etwas eklig, bringt aber zumindest garantiert keine Vaterschaftsklage mit sich!</p><p>Doch zurück im Schweizer Hochsommer gibt’s eigentlich nur einen vernünftigen Ort, wo man übersommern kann: Im Wasser! So verbringe ich meine Tage bis auf weiteres in der Aarauer Badi. Schliesse ich die Augen und lausche meinen Strandtuch-Nachbarn, wähne ich mich irgendwo an der kroatischen oder albanischen Adria. Herrlich! Und die nassen Perlen auf meiner Brust sind hier Wasser (wenn auch leicht verchlort) und nicht Schweiss! Heureka! Und wie ich so unterm Ahorn im Schatten liege und den Windchill-Effekt auf der eigenen Haut verspüre, fröstelt es mich leicht. Halleluja! Hier bin ich Mensch, hier darf ich’s sein! Geduldig und entspannt stehe ich dann am Kiosk an, um ein Zwei-Franken-Säckli Süssigkeiten zu ergattern. Klar ist es ein bisschen peinlich, an einem Mittwoch Nachmittag zusammen mit etwa 200 Primarschülern eine Schlange vor dem Kiosk zu bilden. Aber egal, runter mit dem ungesunden Zeugs! Später liege ich wieder im Schatten des Ahorns und mein Magen rebelliert. Mir ist vor lauter Gummischlangen, Apfel- und Cola-Zuckerschlabberzeugs ziemlich übel. Aber immerhin denke ich in der Zeit nicht an meinen Kontostand, der während meinen Aarauer Strandferien auf ein neues Allzeit-Tief zusteuert. Doch kein Grund zur Besorgnis, ich bin in guter Gesellschaft! Der UBS geht’s zurzeit auch nicht besser.</p>

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<p>© 2008 <a href="http://www.tschyses.ch/" target="_blank">tschyses.ch</a>
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      <pubDate>Thu, 03 Jul 2008 14:34:58 +0200</pubDate>
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    <item>
      <title>Die Elfte // 26.06.08</title>
      <link>http://www.tschyses.ch/</link>
      <description><![CDATA[<p>Jedem (zweiten) Ukrainer wäre das Augenwasser gekommen und er hätte sich zurückversetzt gefühlt in den Herbst 2004. Basel spielte ein bisschen Kiew an diesem brütend heissen Samstag und erlebte seine eigene Orange Revolution: 180'000 orange gekleidete Holländer (bzw. Möchtegern-Holländer wie ich) strömten von überall her, um mitzuerleben, wie das Team unter der Ägide des Weltfussballers des Jahres 1992 die Russen möglichst torreich wegfegen würde. </p>

<p>Doch zuerst galt es, eine solide Basis zu legen, damit später 2-Komma-Periode-7 Liter Bier in meinem Magen Platz finden würden. So erreichten WIR Holländer genau eine halbe Million Liter Bier, die an diesem Abend laut Statistik versoffen wurden. Etwas ab vom Schuss schlummerte friedlich das Hiltl vor sich hin und lud zum Essen. Doch der Schein trügte. Denn wenn selbst eine kultivierte Stätte wie das Hiltl Bier im Plastikbecher ausschenkt und mit Plasmamonitoren auffährt, ists in Kürze vorbei mit der Ruhe. Aber es wurde durchaus zum Erlebnis: Eine holländische Mischung aus Moby und Fred Clever versuchte den Kopfstand und ein Luftgitarren-Solo auf dem Holztisch und benützte als Eingang notorisch das Seitenfenster. Diese Übung erforderte allerdings einen Balanceakt über Stuhllehnen und Hiltl-Stammgast-Schultern. Dabei schwappten immer wieder ein paar Deziliter von Freds Bier über den Becherrand. Es bleibt unerklärlich und muss an seinem überschwänglichen Charme gelegen haben, dass die Stammgäste, die sich normalerweise über jedes nur halbwegs wahrnehmbare Rülpsen entrüsten würden, Fred nicht schon längst mit gezückter WOZ zu Leibe rückten. Selbst die Deutschen (von denen einer aussah, als wären ihm zwei Platten seiner Plattenbausiedlung auf die Birne gekracht) liessen ihn gröhlend gewähren, als er mit loderndem Feuerzeug deren Fahne bedrohte. Aber Fred machte natürlich nur Spass und angelte sich kurz darauf blitzschnell wie Supermoby durchs Fenster, um neues Bier zu holen. </p>

<p>Nachdem der Magen nun biertauglich getrimmt war, musste schnell eine Leinwand oder ein Monitor her, damit ich keines der hoffentlich zahlreichen Oranje-Tore verpassen würde. Die erste Idee hiess Münsterplatz, sonst eines meiner Lieblingsfleckchen in Basel. Als wir dort ankamen, war die ganze Fanzone bereits gerammelt voll und wir wurden Zeuge, wie ein Sanitäter bemüht war, einen leeren Rollstuhl über den Pflastersteinbelag zu bugsieren. Selbst wenn das ausharrende Opfer beim Eintreffen der Sanität noch leben sollte, den Transport im Rollstuhl zum Krankenwagen würde er unmöglich überleben! Münsterplatz war also gestrichen, es ging weiter durch das orange Gedränge über die Mittlere Brücke nach Kleinbasel, von dort weiter zum Wettsteinplatz, dann zur Warteck-Brauerei. Dort: Quartierfest, Kinder auf Holzlaufrädern, Couscous, indisches Buffet, ganz viel WOZ, ganz friedlich, aber definitiv kein Screen und kein holländischer Torregen! Also zurück zum Wettsteinplatz, der Anpfiff war bereits erfolgt, also hopp zum nächstbesten TV, ein türkischer Kiosk, na gut, passt! Herrlich solche Orte, ein feuriges Plädoyer dafür, meinen Wohnsitz doch mal zu verlegen. Denn türkische Lebensmittellädeli sind (nicht erst seit Monsieur Ibrahim) einfach der Hammer! Und meine 2-Komma-Periode-7 Liter Bier würden hier exakt 11-Komma-Periode-1 Franken kosten. Was will man mehr? </p>

<p>Es geht zwei Minuten, wir stehen in der vierten Spielminute, da tippt mich jemand von hinten an: «Wie-vel sto-oht?» fragt eine ältere Frau. Ich: «Emmer no 0:0!» Ihr Mann: «För d’Schwiiz? Hahaaa.. hust keuch!» Dann beginnt der Serbe neben mir, nervig mit dem Feuerzeug auf den Tisch zu poltern und was von «Holländer, göhnd hei!» zu fluchen. Irgendwie gelingt es mir, ihn zu beruhigen und in den nächsten 120 Minuten werden wir schon fast Freunde. Er spricht (fast) perfektes Schweizerdeutsch, dennoch unterbricht uns die Langzeit-Besoffene hinter mir immer wieder und erkundigt sich in bestem Politiker-Hochdeutsch, wann er denn wieder abzureisen gedenke. Dann fragt sie mich, wie der Kommentator des Spiels heisst, dann den Serben, wie lange die Heimreise nach Russland dauern würde, dann mich, wie das Spiel steht, dann ihr Mann: «För d’Schwiiz? Hahaa.. hust keuch!», dann den Serben, wie er denn heimreisen werde, dann tippt sie erneut mich an und unaufgefordert melde ich nach hinten: «Dani Kern! Ko-Kommentator: Jörg Stiel!» Doch dieses Mal muss sie aufs Klo. Ich lasse sie durch und für die nächsten drei Minuten konzentriere ich mich ausnahmsweise mal aufs Spiel: ... Ich bin überglücklich, als die Frau (jetzt plötzlich mit Holland-Hut auf dem Kopf) wieder zurückkommt, das Spiel taugt nichts zur Unterhaltung! Als sie sich an mir vorbeidrängt, um ihren angestammten Platz hinter mir wieder einzunehmen, bemerke ich ihren verdächtig nassen Hosenboden. Ein feuriges Plädoyer dafür, mehr Toitoi-Kabinen am Wettsteinplatz aufzustellen. Denn irgendwohin müssen die 500'000 Liter Bier ja! Ich frage mich, wohin das Bier in den letzten 20 Jahren, in denen die Frau und ihr Mann wohl schon hier sitzen, geflossen ist. Dann die Erlösung, das Spiel ist aus! Russland gewinnt, der Serbe neben mir jubelt. Natürlich fragt die Neo-Holländerin hinter mir, wie das Spiel ausgegangen sei, natürlich bringt ihr Mann den Schweizer Witz, natürlich wünscht sie dem Serben eine gute Heimreise nach Russland, natürlich protzt die Polizei nach dem Spiel ein bisschen mit ihren 20 Einsatzwagen, natürlich ist die SBB hoffnungslos überfordert mit dem Rücktransport von 180'000 Fans, natürlich qualmen pubertierende Jungs im Paarungstanz den vollgestopften Zugswagen voll und natürlich gewinnen die Deutschen vier Tage später ihren Halbfinal gegen die Türken. Schade, jetzt müssen wir Aarauer bis zum Maienzug warten, bis unsere Strassen mal wieder kurzzeitig an südländische Lebensfreude erinnern!</p>

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<p>© 2008 <a href="http://www.tschyses.ch/" target="_blank">tschyses.ch</a>
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      <pubDate>Thu, 26 Jun 2008 15:00:39 +0200</pubDate>
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    <item>
      <title>Die Zehnte // 19.06.08</title>
      <link>http://www.tschyses.ch/</link>
      <description><![CDATA[<p>Ich knipse den Lichtschalter aus, es ist dunkel. Wow, denke ich, Elektrizität! Der nackte Wahnsinn! Schnipp: das Licht brennt und schnapp: Licht aus! Dann liege ich so da. Irgendwie meldet sich der Rücken. Er sagt: Verdammt, viel zu weich! Ich dreh mich auf die Seite. Mal links, mal rechts. Dann lege ich mich quer. Ich liege zirka in einem 30-Grad-Winkel auf meinem Bett. Krass! Dann bemerke ich, dass ich nichts höre! Keine Vögel, kein Gequake, keine Grillen. Nichts! Irgendwie unheimlich! Dann drückt die Blase. Also schnipp: Licht brennt. Vier, fünf Schritte, dann eine Türfalle, ein zweites Mal schnipp, Klobrille hoch und schon sitze ich. Kein Suchen der Hawaianas im Dunkeln, kein Stolpern über gespannte Schnüre (in der Dunkelheit leider unsichtbar), kein Fussmarsch über nasses Gras und knirschendes Kies, kein Frieren und keine Mückenplage am Lavabo. Einfach schnell aufs Klo. Dann zweimal schnapp, wieder dunkel, fünf Schritte, Decke hoch, ich drunter. Und wieder Stille!</p><p>Ein seltsames Gefühl, wieder in der Zivilisation angekommen zu sein, nachdem man vier Nächte im Zelt, im Schlafsack und auf einem etwa zwei Zentimeter dünnen Mätteli verbracht hat. Man kehrt zurück von einem Mikrokosmos lauter lustiger Vögel. Die einen auf den Bäumen, die andern in ihren Zelten oder Wohnwagen. Es ist allerdings äusserst friedlich auf einem Campingplatz, solange sich der Sommer noch in südlicheren Gefilden tummelt. Nur wenige Wohnwagen der Dauermieter sind bevölkert und auf Seiten der Kurzurlauber gibt es eigentlich nur zwei Gruppen: im Camper die Holländer (die Brust ums Fussballerherz oranje, der Kopf bereits kurz nach der Morgendusche Heineken-gerötet) und im Zelt die Studis, um ihren Diplomabschluss zu feiern. Obwohl einer unter ihnen noch nicht mal mit seinem Diplomprojekt begonnen hat. (Das wäre dann leider ich, hat aber seine Richtigkeit!)</p><p>Doch bald stellte ich verwundert fest, dass es auf dem ganzen Campingplatz keinen einzigen öffentlichen Fernseher gab. Wie also erfahren, was sich an der Euro tut, während ich Sandburgen baute? Die Lösung kam gewöhnlich genauso zuverlässig um die Ecke ge-adilettet, wie man die Resultate per Knopfdruck auf dem Teletext abrufen könnte. Der Schichtarbeiter aus Zürich interessierte sich eigentlich so gar nicht für Fussball, wusste aber dennoch jeden Spielausgang, steckte sich schnell eine Zigarette an und liess dann den Spielverlauf in einer Kurzzusammenfassung (inklusive Alain-Sutter-reifer Experten-Analyse) Revue passieren. Dann wünschte er noch eine gute Zeit, war weg und wartete nach Ende des nächsten Spiels in unmittelbarer Nähe zum WC-Dusch-Wasch-Häuschen mit Zigarette und neu getanktem Fachwissen im Anschlag auf seinen neuerlichen Einsatz. Mein wandelnder Teletext, ich danke dir! Gute Schicht und eine gute Zeit noch!</p><p>Als ich dann wieder daheim in meinem Bett liege (natürlich 30 Grad quergestellt) und in die Stille horche, melden sich diverse Körperteile, so als würde Scotty die Schadensmeldungen an Captain Kirk weitergeben: Rechter Fuss will nicht so oft über das Leintuch gezogen werden, da sonst der Schnitt von der Scherbe nur schwer ignoriert werden kann. Geht mir genauso, meldet der linke Fuss. Dort fungierte jedoch die Zeltschnur als Übeltäter. Das Gesicht erfleht eine erneute Schicht Après-Soleil, die Lippen röcheln was von ausgetrocknet, der Nacken verlangt, dass der Kopf gefälligst auf die andere Seite gedreht wird und der Rücken bemerkt erst hier auf der komfortablen Bico-Matratze, wie versteift er eigentlich ist. Und sowieso, bei dieser Mordsstille kriegt man ja kein Auge zu!</p><p>Die Nacht darauf wird besser. Denn es lärmt draussen wieder. Zwar kein Gequake und kein Gezirpe, dafür aber lautes Gehupe. Und dieses erscheint mir in dem Moment genauso friedlich und in den Schlaf lullend wie der Paarungsruf einer ganzen Kolonie süsser, kleiner Laubfröschchen. Die Türken haben gegen die Tschechen gewonnen. Ich bin ihnen überaus dankbar dafür!</p>

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<p>© 2008 <a href="http://www.tschyses.ch/" target="_blank">tschyses.ch</a>
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      <pubDate>Thu, 19 Jun 2008 00:01:22 +0200</pubDate>
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    <item>
      <title>In den Ferien // 12.06.08</title>
      <link>http://www.tschyses.ch/</link>
      <description><![CDATA[<p>Der Kolumnentipper verbrachte eben ein paar lauschige Tage am Neuenburgersee am Campieren, Würstchen braten, Boggia-Kugeln schmeissen, Pommes essen, sein Französisch vermissen, Cornetto schlecken und in den See hüpfen. Ja, diese Verben schriebe man alle gross. Aber das sieht so saublöd aus. Geniesse nun die Après-Soleil und die zehnte Kolumne folgt nächsten Donnerstag. Bis dann!</p>

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<p>© 2008 <a href="http://www.tschyses.ch/" target="_blank">tschyses.ch</a>
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      <pubDate>Sun, 15 Jun 2008 17:55:38 +0200</pubDate>
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    </item>
    <item>
      <title>Die Neunte // 05.06.08</title>
      <link>http://www.tschyses.ch/</link>
      <description><![CDATA[<p>Seit gestern glaube ich ein bisschen besser zu verstehen, weshalb es Valentino und insbesondere Udo Walz zu einer gewissen Portion Ruhm gebracht haben und hie und da – der eine öfter, der andere immerhin zwischendurch mal für die Schweizer Illustrierte – über den roten Teppich stolzieren dürfen. Was wäre denn die Welt ohne Udo? Ein übles Gestrüpp, ein wirres Vogelnest, langweilige Mähnen und Strähnen. Doch Udo zaubert mit der Schere und schon türmen sich die Haare auf den Häuptern der Gottheiten zu Kunstwerken ein Stück näher dem Himmel entgegen. Er hat sie alle schon frisiert und als Beweis dafür lächelt er einem auf seiner Website von Fotos zusammen mit Paris, Sharon oder Goldie entgegen. Sein Lebenslauf bezeichnet ihn als Berliner Institution. Zürich hat immerhin Valentino und dieser verschafft uns täglich Gewissheit: Ja, die Solarien dieser Stadt laufen noch! Udo Walz dagegen posiert mit Föhn in Agenten-Pose, so dass er glatt als Bruder von Connery durchgehen würde.</p><p>Leider hat Aarau keinen Star-Figaro zu bieten, doch immerhin werden 49 Coiffeurgeschäfte im Telefonbuch aufgeführt. Darunter stechen so kreative Namen ins Auge wie Haarmonie, Hairxpress, Movinghair oder Beautique 2000! Mein Favorit bleibt aber Haarverwalter Hunziker. Denn der Hunziker stutzt nicht einfach den Wildwuchs und wirft ihn danach unbedacht weg. Nein, er verwaltet die Haare! Als Beitrag an die dritte Säule? Doch wie wählt man eigentlich seinen Coiffeur aus? Bei 49 Salons in der Stadt hätte man ein gutes Jahrzehnt, bis man alle durchgetestet hat. In meinem Fall war das dagegen ganz einfach: Mami nahm mich an der Hand und setzte mich auf den Stuhl von Sonja. Diese schnitt mir Jahre lang die Haare und dann wechselte ich zu Sandra. Sonja schmollte glaubs ein bisschen, aber man kann ja nicht gleich mit der ersten Frisörin alt werden. Ich bin aber bis heute in diesem Salon geblieben, wobei die Scheren-Akrobatinnen weniger Treue zeigten. Zuerst ging Sonja, dann Sandra. Natürlich kamen neue und diese wurden immer jünger. Ich dagegen immer älter, so dass wir uns irgendwann im selben Alter trafen. Damit begann die Zeit, in der ich mich permanent in meine Haartistinnen (bitte würdigen Sie die unglaubliche Kreativität hinter dieser Wortschöpfung!) verliebte. Doch in eine Frisörin (ist Coiffeuse eigentlich eine politisch korrekte Bezeichnung?) verliebt zu sein, ist eine eher unbefriedigende Angelegenheit. Man wartet zwischen jedem Treffen rund drei Monate und es quält einen dauernd der Verdacht, dass es da noch einen andern geben könnte. Da aber sowieso nie was draus wurde, schaffte ich es irgendwann, eine halbe Stunde auf dem Sessel zu sitzen, ohne mich in die Haarverwalterin hinter mir zu verlieben. Ich antwortete knapp auf ihre Bemerkungen übers Wetter, liess ihr meine alten Haare zurück und zeigte mich selbst ihren Shampoo einreibenden Händen gegenüber unbeeindruckt.</p><p>Doch gestern durchfuhr mich ein Blitz! Ich erkannte, da war eine wahre Meisterin ihres Fachs am Werk. Ein Talent, ein Rohdiamant! Diese Haar-Akrobatin brachte alle Voraussetzungen mit, einmal ein richtiger Udo Walz zu werden. Ihre Scheren frästen im Tiefflug über meine Kopfhaut hinweg wie eine Messerschmitt über die englische Küste. Opfer fielen dabei zu Hauf, gestutzt wurde alles, was länger als zwei Fingerbreit war. Verstecken war zwecklos, ihre Finger durchkämmten meine Haare wieder und immer wieder. Dabei schienen sie einer streng einstudierten Choreografie zu folgen. Das Tempo rasant! Das war Tango, Techno und Epilepsie in einem. Es gab kein Innehalten, kein Messen der Haarlänge, kein mühsames Zusammenklappen meiner Ohren und keinen aufgesetzten Smalltalk. Ich war der Marmor, sie der Michelangelo. Ich der englische Buchsstrauch, sie der Edward. Und ihre Scherenhände ruhten nicht eher, als dass sie scheinbar autonom ihr Werk vollendet hatten. Meine Frisur war danach zwar nicht besser oder schlechter als nach dem ersten Schnitt von Sonja. Gleichwohl wurde ich zurückgelassen im Wissen, dass ich eben Zeuge hoher Handwerkskunst geworden war. Selbst eine Stradivari könnte sich nach dem Fallen des Vorhangs nicht besser fühlen!</p><p>Und so frage ich mich, ob der Mangel an Star-Figaros in Aarau nicht viel eher im generellen Mangel an hier ansässigen Stars gründet. Oder wo geht wohl Baschi zum Coiffeur?</p>

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<p>© 2008 <a href="http://www.tschyses.ch/" target="_blank">tschyses.ch</a>
<br />__________________</p>]]></description>
      <pubDate>Thu, 05 Jun 2008 00:01:01 +0200</pubDate>
      <guid isPermaLink="false">die-neunte-050608</guid>
    </item>
    <item>
      <title>Die Achte // 29.05.08</title>
      <link>http://www.tschyses.ch/</link>
      <description><![CDATA[<p>Nachtrag zu den Erfindungen, die einen reich machen: Der Klassiker ist ohne Frage dieses Cocktail-Papier-Schirmchen. Aber das wissen wir spätestens seit Tom Cruise und seinem grandiosen Acting in «Cocktail». Eine zweite Erfindung donnert tagtäglich an uns vorbei, zumindest jetzt während dem Euro-Fieber. Ein kleines Plastikding, auf die Idee könnte jeder kommen! Vermutlich zu simpel, um es patentieren zu lassen. Oder doch? Denn wenn wirklich jemand ein Patent auf diesen Fähnli-Haltern fürs Auto besitzt, dann hat er ausgesorgt, so lange es WMs und Euros gibt. Ich hege zwar bei jedem Subwoofer geschüttelten Auto, das an mir vorbeiprotzt, den leisen Verdacht, dass die Gleichung gilt: Je mehr Fähnli am Auto, desto kleiner der IQ! Aber das ist natürlich reine Spekulation.</p><p>Das einzige, was ich je erfunden habe, war «Shampoo-Ball». Gespielt wurde mit einem Softball und – das ist jetzt der Clou – mit leeren Shampoo-Flaschen. Ja, die waren cool! Aus der Migros, mit wunderbar geschwungener Form, bevor alles kantig, gerade und «modern» werden musste. Und das Beste an diesen Flaschen war der Verschluss, so ein richtig edler, weisser Zapfen! Da fühlte man sich beim Haare Waschen noch wie in Tausend und einer Nacht. Kein Wunder, dauerte meine Duscherei früher stundenlang. Ja, «Shampoo-Ball» war eine tolle Erfindung, keine Frage!</p><p>Doch es ist so eine Sache mit Erfindungen. Denn wie hätte ich wohl reagiert, wenn mir jemand gesagt hätte, er fände meine Erfindung schlecht? (Obwohl ich viel eher auf die olympische Anerkennung hoffte!) Keine Frage, ich hätte gewütet und getobt und mein Kinderzimmer in eine nostradamische Vision des Irakkriegs verwandelt. Gleiches ist mir Jahre später passiert – jedoch mit leicht vertauschten Rollen. Ich lebte erst kurze Zeit in meiner eigenen Wohnung. Die ist leider so klein, dass mir das rote Standby-Lämpchen meiner Stereoanlage nachts derart stark ins Gesicht leuchtete, dass ich selber meine Wohnung für ein Rotlicht-Etablissement hielt. Zudem ist ja Strom-Sparen eine gute Sache. Also überlegte ich mir Wege, wie ich nachts all mein Elektro-Zeugs vom Netz nehmen könnte. Einfach Stecker raus? Zu unelegant! Da stiess ich unverhofft auf eine preisgekrönte Schweizer Erfindung: Ecoman heisst das Ding! Bitte alle dreimal klatschen, denn der Ecoman hat es zweifelsohne verdient! Ich war bereit, meinen Stromspar-Eifer 70 Franken kosten zu lassen. Wenige Tage später hatte ich den Ecoman installiert und fühlte mich ganz Greenpeace, WWF und Gabi Petri! Der Ecoman ist eben wirklich ganz praktisch! Er trennte fortan meine Stereoanlage dreissig Sekunden nach Nicht-Gebrauch vom Strom. Und das Telefon leider gleich mit. Na gut, kleiner Umbau, es gibt nicht umsonst selbst in einer Ein-Zimmer-Wohnung mehrere Steckdosen! Nächster Versuch: Der Ecoman gibt mir auf Kommando Saft und schon leuchtet das kleine Puff-Lämpchen an der Stereoanlage. Doch Achtung, ganz tricky, ich schalte die Stereoanlage NICHT ein, sondern bloss das ADSL-Modem. Dieses baut eine Verbindung auf, alles paletti, das Modem wählt noch immer, zack und der Strom ist weg. Wussten Sie, dass ein ADSL-Modem während dem Verbindungsaufbau weniger Strom verbraucht als im normalen Funktionsmodus? Und definitiv zu wenig, als dass dies der Ecoman unterstützen würde. Wenn sich Ihr Modem innert dreissig Sekunden eingeloggt hat, ist all dies kein Problem. Doch der Ecoman ist gnadenlos: Nach dreissig Sekunden ist Schluss! Daher sah ich mich fortan gezwungen, während dem Einwählen des Modems zusätzlich mindestens die Ikea-Lampe einzuschalten. Andernfalls hielt mich der Ecoman kaltblütig vom Internet fern. Genau so hatte ich mir Strom-Sparen vorgestellt! Kurz: Der Ecoman ist ein Riesenseich und genauso praktisch wie ein simpler Kippschalter aus dem Jumbo. Kostenpunkt: 7 Franken!</p><p>Ich hielt es irgendwie für eine tolle Idee, mit der Ecoman-Firma meine Erfahrungen zu teilen. Man ist ja heute kritikfähig. Dachte ich. Mein Mail strich die Schwachpunkte des Produkts deutlich heraus. Man hätte mir für meine konstruktive Kritik danken müssen, mir vielleicht ein Tächli-Käppi schicken können. Stattdessen klingelte mein Telefon – an einem Ostersonntag, morgens um halb neun Uhr. Ostern, das Fest der Prozessionen. Ostern, die Tage, wo man dem Saucheib das Maul gestopft hat! Ich torkle verschlafen aus dem Bett, finde ohne Rotlicht den Weg nicht so richtig, denke noch «Läck, dieser Kippschalter ist schon praktisch!» und nehme dann den Hörer ab: «Ja?» - «Herr Müri, Sie sind es...» Langsam wurde ich wach. Und es sollte sich lohnen. Auch wenn nur noch vier Worte folgten. Doch jedes davon so hart und gewaltig wie Hammerhiebe. Vier Worte, vier Nägel und der Müri hing am Kreuz! Mit dem Ausklingen der Silbe «loch» hängte der Herr Ecoman den Hörer auch schon wieder auf. Ich hatte nicht mal Zeit zum Auferstehen. So hänge ich also noch immer am Kreuz und kann nur sagen: Unterstützen auch Sie die Firma Ecoman und besuchen Sie www-punkt-ecoman-punkt-ch! Eine super Erfindung! Die Umwelt dankt es Ihnen!</p>

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<p>© 2008 <a href="http://www.tschyses.ch/" target="_blank">tschyses.ch</a>
<br />__________________</p>]]></description>
      <pubDate>Thu, 29 May 2008 00:01:06 +0200</pubDate>
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      <title>Die Siebte // 22.05.08</title>
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      <description><![CDATA[<p>Ich bin ein Saxophon, war mal 9’947 Kilometer von zu Hause weg und habe seit 36 Stunden nicht mehr geschlafen. Verdammt, man muss nur was ganz Kleines erfinden und whumm, die Rakete fliegt in den Orbit. So wie bei Mark Zuckerberg. Der richtete in Harvard eine klitzekleine Hobby-Website für all die andern Harvard-Nerds ein. Also alle, die nicht mit irgendwelchen «Ich war mal die schnellste Stabhochspringerin in meinem Kaff und erhielt dafür ein Stipendium»-Studentinnen Ice-Cream essen oder im Kino rumfummeln konnten am Samstag Abend, die schwenkten einfach von den Schulbüchern zum Computer rüber – natürlich diese «Instant Startup»-PCs mit grüner Schrift, auf denen man ganz schnell ganz geheime Daten findet. Nun gut, wir befinden uns im Frühling 2004. Dann wars halt ein Dell. Oder noch öder, eine IBM-Kiste mit «Möchtegern Piloten Style»-Headset. Ist ja auch egal, da sitzen sie also die Computer-Nerds vom Harvard Computer Club. Frühling 2004. Keine Ahnung, über was die reden. Vielleicht über irgendwelche Gleichungssysteme. Oder Logitech-Mäuse. Naja und dann ists Herbst 2006 und mittlerweile sitzt die halbe Welt am Computer rum und quatscht mit den Harvard-Jungs. Vielleicht unterdessen auch irgendwelche «Ich singe immer Musicals nach wenn ich nicht grad laut und empört über meine beste Freundin lästere oder betone dass ich Kerry gewählt habe»-Studentinnen. Und dann ists Frühling 2008 und die ganze Welt sitzt vor dem Computer und hat ein Profil und lädt sein Foto rauf und legt sich eine Huuuu!-«digitale Identität» zu. Und Mark Zuckerberg ist Millardär und seine kleine Website ist 15 Millarden wert. Wieso konnte ich nicht auf die Idee mit Facebook kommen?</p><p>Das Lässigste an Facebook sind ja diese irrsinnig tollen Progrämmli! Die vermehren sich also noch schneller als die Starbucks auf der ganzen Welt. Da lädt dich sicher jeden Tag einer deiner Freunde zu irgendeinem Quiz oder einer Challange oder zu was auch immer ein. Und eigentlich ist man erst ein bisschen cool, wenn man eine dreistellige Anzahl Freunde hat. Aber so richtig cool, so richtig «College Baseballer mit dem Homerun Rekord» bist du erst, wenn du eine vierstellige Zahl Freunde hast und eine Liste von Progrämmli, dass du während dem ganzen Meteo runterscrollen kannst! Vom «Grüezi mitenand!» bis zur 3-Tages-Prognose. Andy Egli dagegen hat nur acht Freunde. Aber ich glaube, es ist nicht der «Ex Fussballer irgendwie Trainer was macht der eigentlich heute»-Egli. Dann hätte er wohl noch weniger Freunde. Aber diese Progrämmli sind wirklich ganz praktisch. Denn so habe ich rausgefunden, dass ich ein Saxophon bin. Glaube aber, dass gelb und Amsterdam immer ein Saxophon ist. Ganz egal, wie ich die anderen Fragen beantworte. «Wie reagierst du, wenn dein bester Freund mit deinem langjährigen Schwarm ausgeht?» Ich hole mein Saxophon und werde US-Präsident. Ganz klar! Und gelb und New York ist wohl auch Saxophon. Und wetten, dass braun und Wien ein Klavier ist? Wien, Österreich, nein, ich werde keinen Witz über irgendwelche Kellerverliese machen!</p><p>Und dann weiss ich seit einer Woche, dass ich bereits 85 Städte in 17 Ländern besucht habe. Dornbirn, St. Goar und Vaduz sei Dank! Läck, ich bin eigentlich ein richtiger Globetrotter! Nun gut, von Rye sah ich nicht viel mehr als den Schafmarkt und die Aussicht vom Kirchturm. Dann war die Pinkelpause des Busfahrers auch schon zu Ende. Und La Garde-Freinet ist also auch nicht grad die Mega-Entdeckung. Und Johnny Depp war auch nicht dort, obwohl der angeblich immer mit Baseball-Cap, Baguette und Lavendel-Strauss im Dorf rumvagabundiert. Und jetzt bin ich schon seit 37 Stunden wach. Und eigentlich war ich schon 9'961 Kilometer von zu Hause weg, denn damals wohnte ich ja noch nicht in Aarau. Damals gabs auch noch kein Facebook. Und John Kerry gabs auch noch nicht. Und Andy Egli war kurz vor seiner Verpflichtung als Trainer von Aarau. Und damit auch schon wieder kurz vor seiner Entlassung. Und den Starbucks gabs hier auch noch nicht und Fritzel war noch ein ganz normaler Name, der ein bisschen bedeppert klingt und ich war noch kein Saxophon. Nur Logitech-Mäuse gab es schon. Und damit die Möglichkeit, sich sonst irgendwo die Zeit um die Ohren zu klicken. Klick klick.</p>

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<p>© 2008 <a href="http://www.tschyses.ch/" target="_blank">tschyses.ch</a>
<br />__________________</p>]]></description>
      <pubDate>Thu, 22 May 2008 00:01:00 +0200</pubDate>
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      <title>Die Sechste // 15.05.08</title>
      <link>http://www.tschyses.ch/</link>
      <description><![CDATA[<p>Meine längst fälligen Entschuldigungen – chronologisch geordnet: Sorry Mami, dass ich in die Hosen gepisst habe, damals, als du mal ausnahmsweise nicht zu Hause warst! Sorry Fabian, dass ich dir einen Duplo-Stein an den Kopf geschmissen habe – hinterhältig wie ein Heckenschütze und eigentlich absolut grundlos. Sorry Christine, dass ich gesagt habe, du seist behindert. Entschuldige Grossmueti, dass ich den Autositz mit Fabians Glacé vollgeschmiert habe, nur weil ich als einziger keine Glacé bekommen habe. Was durchaus seine Gründe hatte, die ich heute sogar verstehe. Entschuldigen Sie Frau Keller, dass ich Sie ausgelacht habe, weil Sie zweimal an derselben Stelle den falschen Ton auf dem Klavier gespielt haben. Leider weiss ich das Stück nicht mehr, aber ich hätte es bestimmt nicht besser gekonnt! Sorry Gotti, dass ich gesagt habe, dein Papier-Machée-Osterei sei kitschig. Entschuldige Fabian, dass ich in der Schule gesagt habe, ich fände meinen Bruder doof. Aber alle fluchten, ihre Schwestern seien doof und da betrachtete ich es als meine Pflicht als Staatsbürger, dem etwas entgegenzuhalten. Sorry Amanda, dass ich die Einladung zu deiner Geburtstags-Party zerrissen habe. Warum, keine Ahnung, doch als einziger der Klasse am Mittwoch Nachmittag zu Hause und nicht an deiner Party – kein Kuchen und keine Spiele – glaub mir, das war dann doch nicht so toll. Sorry Leo, dass ich nicht wollte, dass du mich in die Logopädie fährst. Lag nicht an dir, sondern an der Logopädie, da ich vermeiden wollte, dass du in deinem Grossneffen Schwächen erkennst. Sorry Herr Tulaczko, dass ich gezögert habe, in Ihr Auto zu steigen, als Sie mich nach der Klavierstunde nach Hause fahren wollten. War sehr nett von Ihnen, aber Sie müssen wissen, Kindsentführungen waren damals extrem in Mode und ich ein reger Zuschauer von «Aktenzeichen XY... ungelöst». VW-Busse sind mir dadurch bis heute irgendwie suspekt geblieben. Sorry Marianne, dass ich nicht immer wahnsinnig zuverlässig war, Christine die Hausaufgaben nach Hause zu bringen, wenn sie mal krank war. Scusi an die zwei unbekannten Italiener in meinem Dorf, dass ich dachte, ihr seid kriminell. Aber auch hier mache ich zumindest eine gewisse Mitschuld von Ganoven-Ede Zimmermann geltend! Sorry Herr Tulaczko – Sie schon wieder – Tschuldigung, dass ich einen Sonnenstich simulierte, nur um nicht an irgend so ein Konzert im Gemeindesaal gehen zu müssen. Und wenn wir grad dabei sind: Tut mir leid, dass ich nie geübt habe und ihre Leidenschaft fürs Klavierspielen nie so richtig teilen konnte. Sorry Reto, dass ich dir einen gefälschten Liebesbrief unters Pult schmuggelte. Entschuldige Chregi, dass ich deinen Kehrichtsack-Balsaholz-Drachen zerbrochen und es nachher verheimlicht habe. Ein riesengrosses Sorry an dieser Stelle an die unbekannte Mörknerin, der ich ohne jeden Grund (oder was meinen Sie, Allan Guggenbühl?) auf dem Schulweg den Haken gestellt habe. Immerhin eine halbherzige Entschuldigung an Yen, dass ich dir den Arm umgedreht habe, weil du mir das Game Boy-Spiel nicht zurückgeben wolltest. Sorry Annette, dass ich so stillos (selbst für einen Primarschüler ziemlich stillos) Schluss gemacht habe. Womit wir bereits mitten in den 90er-Jahren wären, die nächsten Schulstufen jetzt leicht verkürzt: Sorry Luca, dass wir nie bei mir zu Hause gekocht haben. Sorry Guido, dass ich dir meine Faust gegen das Jochbein geschleudert habe. (Guido ist heute Profi-Schwinger und ich verbrachte damals den Abend nach Schulschluss bei meinem Hausarzt und durfte zuschauen, wie er meinen Arm eingipste. Der rote Verband war immerhin recht hübsch!) Sorry Tom, dass ich nicht bei dir übernachten wollte. Ich schlafe einfach gerne zu Hause. Denn von dort ists näher zum Luftschutzkeller, falls der Russe doch noch angreift! Sorry Frau Geering, dass ich in den ersten Lateinstunden so pseudo-rebellisch war, aber danke für die ausführliche Erklärung von «disciplina». Entschuldige Magnus, dass ich Detlef auf dein Namensschild geschrieben und den Englisch-Aushilfslehrer ganz verwirrt habe. Sorry Seraina für den schmuddeligen Witz, als du in der Chemiestunde den Acrylglas-Stab statisch laden musstest. Entschuldigung Frau Keller, dass ich in den letzten zwei Jahren keinen Strich mehr fürs Latein gemacht habe. Aber dass Sie mir bei der Bonusfrage grad einen Minuspunkt geben mussten, ja das finde bis heute leicht übertrieben! Sorry Tom und Dambi, dass ihr wegen mir «Nurse Betty» schauen musstet. Wirklich ein grauenhafter Film!</p><p>So, das waren sämtliche Entschuldigungen fürs 20. Jahrhundert. Diese Liste findet natürlich ihre Fortsetzung in meiner viertausendeinundneunzigsten Kolumne im Jahr 2101. Bis dann!</p>

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<p>© 2008 tschyses.ch
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      <pubDate>Thu, 15 May 2008 09:03:02 +0200</pubDate>
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      <title>Die Erste // 20.03.08</title>
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      <description><![CDATA[<p>Was befindet sich aktuell in ihrem Abfallsack? Ich erkenne bei mir ein leeres Joghurt-Becherli, eine leere Milchtüte, den harten Rest meines Älplerbrots und ich weiss ausserdem um die zusammengeklappte Kartonkiste meiner fünf belegten Brote, die ich gestern zum Nachtessen verspies. Irgendwo tiefer unten im Sack an den Rand geschoben muss sich diese befinden. Jedoch auch nur, da ich bis heute nicht rausfinden konnte, ob man Karton getrennt bündeln muss oder ob er mit dem Altpapier gemischt werden darf. Die Meinungen darüber gehen auseinander, wie intensive Befragungen in meinem Freundeskreis ergaben. Von dieser Trennungs-Problematik schlichtweg überfordert, musste ich schliesslich kapitulieren und werfe den Karton seither ebenfalls in den Kehricht. In meiner Küche steht also ein ganz normaler Abfallsack, wie sie bei uns jeden Donnerstag Morgen zu Hauf auf die Strasse gestellt werden. Und an denen ich bis heute ohne grössere Besorgnis vorüber gehen konnte. Doch dann kriegte ich heute zwischen Bestellung und Perrier zufällig den Blick in die Finger und erstarrte bald darauf. Ja was musste ich darin Grausames sehen? Da liegt ein Mann – eher lässig locker statt angeblich tot – in einem viel zu kleinen Bett mit blauer Plastiktüte über den Kopf gestülpt. Das Foto war schwarz-weiss, doch auf Grund meines nun doch schon längeren Aufenthaltes hier in Aarau wusste ich genau, dass dieser zweckentfremdete original Aarauer Abfallsack leuchtend blau ein jedem Blick-Leser die Zornesröte ins Gesicht treiben musste!</p><p>Der Aargau hat ja schon manch zwielichtige Gestalt hervorgebracht. (Man denke da nur an Urs Meier. Oder noch schlimmer: an Ulrich Giezendanner!) Doch neu ist, dass der Aargau ebenso unliebsames Volk anzieht. Im aktuellen Fall also Ludwid A. Minelli! Der Todesengel national quartiert sich neuerdings in meiner unmittelbaren Nähe ein und lässt seine Kunden mittels handelsüblichem Helium in den Tod abgleiten. Finden Sie das nicht auch bizarr? Schreie eines Todesringens in Kleinkinder-Stimmlage? Wird da nicht der Tod verniedlicht? Todesangst sollte in Bariton daherkommen, sich aber niemals anhören, als wäre grad Ciri Sforza im Nebenzimmer und würde sich ein Spiel seines FC Luzerns anschauen!</p><p>Wieso überhaupt taucht Dignitas nun plötzlich in Aarau auf? Lässt dies auf die Qualität unseres Abfallsackes schliessen? Weist dieser folglich eine bessere Reissfestigkeit oder allenfalls Schalldichte auf als der Zürisack? Gefällt das frische Blau den Kunden besser als tristes Grau? Erinnert der aufgedruckte Aarauer Stadtadler den Sterbewilligen aus Deutschland an den Reichsadler? Mit blauem Sack über dem Kopf in einem 90 cm breiten Bett im Herzen des Schweizer Mittellandes zu sterben, das rundet ohne Frage jede Reise in die Schweiz unvergesslich ab! Die Frage bleibt, ob man erstickte Menschen mit normalen Haushaltsabfällen mischen darf oder ob diese einer speziellen Entsorgung bedürfen. Aber der Zeitpunkt des Sterbens ist gut gewählt, denn nächsten Mittwoch bietet unsere Stadt wieder ihren beliebten Häckseldienst an. Je nach Parteizugehörigkeit des Sterbetouristen könnte die Entsorgung allerdings auch bereits nächsten Dienstag mit der Grünabfuhr gelingen.
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<p>© 2008 tschyses.ch
<br />__________________</p>]]></description>
      <pubDate>Thu, 20 Mar 2008 15:31:22 +0200</pubDate>
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    <item>
      <title>Die Zweite // 17.04.08</title>
      <link>http://www.tschyses.ch/</link>
      <description><![CDATA[<p>Das Leben ist teuer! Eine dieser Aussagen, welche sich praktisch in jeden Smalltalk mixen lässt. Gleich wie Beurteilungen über das momentane Wetter oder das Erkunden nach der aktuellen Berufssituation des Gesprächspartners. Aber stimmt leider schon, das Leben ist teuer! Dies wird mir jedes Mal aufs Neue bewusst, wenn ich einen Sack Bananen, ein Pack Salami, ein paar Joghurts, vielleicht einige Dosen mit gehackten Tomaten, ein Pack Spaghetti und irgendeinen Kuchen (der Mensch braucht Süsses!) am Strichcode-Leser vorbeischleuse. Kostet es weniger als 50 Franken, habe ich irgendwas vergessen, kostet es über 100 Franken, kann ich sicher sein, dass mir der eine oder andere Zucchetto verschimmelt und ich nicht alles Fleisch vor dem Vergammeln braten kann. 50 Franken und das Überleben ist gerade mal für wenige Tage gesichert! Ich solle in die Migros einkaufen gehen, rät mir meine Mutter jedes Mal, wenn wir uns nach dem gemeinsamen Mittagessen vor dem Coop verabschieden. Dort sei es günstiger. Doch ich mag die Migros nicht. Zumindest jene in Aarau nicht. Denn direkt nach der Schiebetür erschlägt einen diese sonderbar riechende Fleischwolke und führt mir die Unausweichlichkeit des Todes vor Augen. Gelb- und Orangetöne sollen die Kundschaft zudem in mediterrane Gegenden versetzen. Was als positiver Effekt gewertet wird, ruft bei mir leider nur die Erinnerung an diese traurigen Krabben wach, welche in Styropor-Boxen mit letzter Lebenskraft ihre Stielaugen verdrehten, wann immer ich als kleiner Tourist in Shorts und Sandalen daran vorbeiging. Völlig angeekelt wählte ich aber doch nie einen andern Weg durch den sudfranzösischen Supermarché, um zu den knusprig-frischen Baguettes zu gelangen.</p><p>Ausserdem missfallen mir diese neuartigen Migros-Körbli, welche man locker-lässig hinter sich herziehen, niemals aber einigermassen bequem tragen kann. Wurde man als Kind noch mit diesen Zwergen-Einkaufswägeli gebrandmarkt, gehört es einfach zum Erwachsenwerden dazu, dass man irgendwann in der frühen Pubertät zum Körbli greift und es füllt, bis der Henkel aus dem Scharnier zu brechen droht. Man darf die Aussagekraft eines Einkaufskörblis nicht unterschätzen. Denn es grenzt einen klar und unmissverständlich vom Familienvater ab, welcher gemütlich, aber leicht träge und dem Verrosten nahe, seinen Einkaufswagen durch die Regale steuert. Mit dem Körbli dagegen ist es ein Leichtes, jung, dynamisch, erfolgreich und elegant durch die Gewürzabteilung wie auch durch die Milchprodukte zu «cruisen». Verlagert sich das Einkaufskörbli aber auf den Boden und wird nachgezogen, verspielt man leichtfertig seine Männlichkeit. Denn wer ein Körbli nachzieht, der scheint keine Muskeln zu haben, der scheint im Beruf nicht derart erfolgreich – sprich gestresst – zu sein, als dass es ihm an Zeit mangeln würde, sich bei jedem ausgewählten Produkt gemächlich zum Körbli hinunter zu bücken. Und wer sein Essen hinter sich nachzieht, der überlässt das Würzen der Industrie und röchelt bereits wehleidig-stolz nach Luft, wenn drei Chilischoten auf der Anna’s Best-Verpackung original thailändische Schärfe versprechen. Nein, wer auf Trolley-Körbli steht, der greift nicht selber zur Pfeffermühle und hackt Peperoncini ins Essen, bis ihm archaisch männlich die Nase zu laufen beginnt.</p><p>Deshalb gehe ich in den Coop einkaufen. Weil hier die Einkauskörbli noch getragen werden und ihr Grau an Testosteron geschwängerte Baustellen erinnert. Hier geht das Einkaufen auf Distanz zu Disney Land und lässt den Mann noch Mann sein. Als wäre er mit Lendenschutz und Pfeilbogen auf der Jagd. Und zu Hause gibts zur Belohnung ein kühles Bier, nachdem ich meine Einkäufe durch die halbe Stadt getragen habe. Während der Migros-Körbli-Zieher sein Essen mit dem Opel Omega nach Hause fährt und sich dann ein lauwarmes Mivella gönnt. Bevor ihn seine Märklin-Eisenbahn in den Hobbyraum lockt.
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<p>© 2008 tschyses.ch
<br />__________________</p>]]></description>
      <pubDate>Thu, 17 Apr 2008 15:31:22 +0200</pubDate>
      <guid isPermaLink="false">die-zweite-170408</guid>
    </item>
    <item>
      <title>Die Dritte // 24.04.08</title>
      <link>http://www.tschyses.ch/</link>
      <description><![CDATA[<p>Plötzlich war er da, kam scheinbar über Nacht. Doch das stimmt so nicht. Denn sein Auftreten war unvermeidlich, eine logische Konsequenz meines Tuns sowie meiner grobfahrlässigen Unterlassungen. Aber das war nicht immer so. Es gab Zeiten, als mein Handeln keine Konsequenzen zu fordern schien. Als Beweis dieses Foto von mir: Ich stehe am Strand, auf meiner Schulter ein Leguan, meine Angst vor der glitschigen Bestie mit einem Lächeln ziemlich souverän zugekleistert. Und auf eben diesem Foto sieht man: Nichts! An meinen Oberarmen scheinen sogar irgendwie Muskeln dran zu sein. Das muss der Rucksack gewesen sein. 20 Kilos schwer, drei Monate lang. Doch zwei Fotos weiter im Album sieht man den Übeltäter, durch den alles anders wurde. Scheinbar über Nacht. Eine Corona-Flasche im gleissenden Gegenlicht. Der Limetten-Schnitz schwimmt irgendwo auf halber Flaschenhöhe in der gelben Flüssigkeit. Sehr deliziös und doch so grausam! Der tagtägliche Genuss während dreier Monate erwies sich eindeutig als verheerend. Denn kaum entstieg ich an einem frühlingshaften Mai-Abend in Kloten dem Flieger, war er da! Und ist bis heute geblieben. Andere nehmen eine Frau aus dem Urlaub mit nach Hause. Oder einen Tripper, Kokain, ein Adoptivkind, lustige Sombreros, irgendwas. Doch mir blieb nur mein Bierbauch – nachdem sie meinen Rucksack ins Argentinische Niemandsland fehlgeleitet hatten.</p><p>Wir sind ein unzertrennliches Paar geblieben. Trotz aller Anfeindungen. Kein Streit konnte uns trennen, nie drängte sich jemand zwischen uns. Wir treten bis heute den Beweis an, dass man trotz kulturellen Differenzen dauerhaft zusammenbleiben kann. Also gewährte ich ihm vorübergehend Asyl in der Schweiz, versteckte ihn im Alltag aber geschickt vor der Öffentlichkeit. Meinen nackten Bauch im Seitenprofil kriegt niemand zu sehen. Engen Muskelshirts gewährte ich zwar noch nie Zutritt zu meinem Kleiderschrank, doch leider sehe ich mich altershalber allmählich gezwungen, den Schlabber-Shirts zu entsagen. Dadurch verschärft sich die Notlage. Denn das Hemd in Grösse M (weil es an den Schultern besser sitzt als ein L), ist bloss ein mittelmässiger Verpackungskünstler und sicher kein Christo. Also droht der im Untergrund lebende Bierbauch allmählich aufzufliegen. Kommt erschwerend hinzu, dass schon äusserst bald landauf landab die Badis ihre Tore öffnen. Dieser Gedanke treibt eiskalte Schweissperlen auf meine Stirn. Eine Lösung musste her!</p><p>So mache ich nun pro Woche 250 Liegestützen und gar doppelt so viele Rumpfbeugen. Ich renne zweimal die Woche dem Stadtbach entlang, dann durch den Wald, erklimme über eine irre Steigung den höchsten Punkt des Vitaparcours, frage mich, wie eine kollabierende Lunge röcheln würde, jage alsbald die gewonnenen Höhenmeter wieder runter, bis ich die Scheinwerfer des Fussballfeldes erblicke, fliege an der Eishalle vorbei, zurück auf den Asphalt, begegne einer Mitstudentin zwischen Bushaltestelle und Primarschule, biege in meine Strasse ein, laufe links statt rechts um den Pseudo-Kreisel rum bis ich nach quälenden 2'700 Sekunden wieder meine Wohnung und die verdiente Dusche erreiche. Das geht nun schon seit Wochen so. Doch der Blick in den Spiegel: Unverändert ein Schlag ins Gesicht! Mein Bierbauch – meine mexikanische «barriga cervecera» – scheint siegessicher zu grinsen und das Scheinwerferlicht zu geniessen.</p><p>Und wenn ich genau hinschaue, dann erhärtet sich allmählich der üble Verdacht, dass sich die Situation jüngst gar verschärft hat. Denn kann es nicht sein, dass durch mein irrsinniges Rocky-Training die Fettschicht statt weggebrannt zu wurden, einfach noch weiter nach aussen gepresst wird? Dass dadurch mein Bierbauch nur noch grösser geworden ist? Dass man unweigerlich an Schwangerschaft oder Biafra denkt statt an Schwarzenegger, Tyson oder zumindest Viktor Röthlin? Aber immerhin weiss ich – wenn auch nicht eindeutig bewiesen, dennoch aber getragen von einem unerschütterlichen Glauben: Irgendwo da unten in sagenhafter Tiefe schlummert ein perfekt gestähltes Six-Pack!
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<p>© 2008 tschyses.ch
<br />__________________</p>]]></description>
      <pubDate>Thu, 24 Apr 2008 15:31:22 +0200</pubDate>
      <guid isPermaLink="false">die-dritte-240408</guid>
    </item>
    <item>
      <title>Die Vierte // 01.05.08</title>
      <link>http://www.tschyses.ch/</link>
      <description><![CDATA[<p>Man erlebt ja selten, dass einem auf offener Strasse das Herz fast davonrast. Zumindest wenn diese Strasse von Aarau nach Suhr führt und nicht von Kabul nach Kunduz. Doch letzten Samstag wähnte ich mich eher in Morgarten als in der zivilisierten Gegenwart. Es ist ein seltsames Gefühl, wenn die Intelligenz eines Steinpilzes an einem vorbeistürmt. Verteilt auf etwa hundert Köpfe. Anfangs ist man noch amüsiert darob. Man möchte mit dem Finger auf diesen nordwestschweizerischen Husarensturm zeigen und die ganze Horde ganz doll auslachen! Wie sie mit ihren dunklen Sonnenbrillen, den rotblauen Leibchen (die das nächste Mal blauweiss oder gelbschwarz sind) und dem karierten Tuch bis über die Nase hochgezogen durch die Strasse rennen. Und ich frage mich, wen ich mehr auslachen würde: Diejenigen zuvorderst oder die Nachzügler ganz am Schluss der johlenden Alkoholfahne. Ich fühlte mich zurückversetzt in einen Winter in den späten 80er-Jahren, als ich mit aller Kraft versuchte, mich ins Mauerwerk der Hauswand zu pressen, während die Gruppe um den wesentlich älteren Nachbarn der Gruppe um meinen ebenfalls älteren Bruder hinterher rannte. In den Händen sorgfältig vereiste Schneebälle. Es gab ein ziemliches Geschrei, doch mich liessen sie unversehrt. Am letzten Samstag blieb ich abermals unversehrt, da ich Zuflucht auf einem angrenzenden Grundstück fand. Der Sturm zog vorbei (eine moderne Heuschreckenplage?) und es dauerte eine Weile, bis ich realisierte, weshalb da einer am Boden liegen blieb. Aus der Nase rann es rot und sein Auge schimmerte blau. Lustig, dachte ich, der passt sich farblich dem Gegner an. Natürlich fand er das selber weniger lustig, insofern er überhaupt noch in der Lage war, irgendwas irgendwie zu finden. Denn er wirkte recht benommen. Aber das alles hat durchaus seine Richtigkeit. Wenn wir schon eine Armee haben, die wir nicht wirklich brauchen, so können wir unsern Killer-Trieb immerhin noch im und ums Fussballstadion herum ausleben! Für was sonst dröhnten wir uns denn früher mit Rambo, Karate Tiger und Delta Force zu? Und der Chuck Norris von heute räumt nicht mehr in vietnamesischen Foltergefängnissen auf, sondern prügelt sich durch Extrazüge für Fussballfans.</p><p>Widerwillig erinnere ich mich an meine eigene Hooligan-Vergangenheit. Sie war rau, hart und genauso blutig. (Mein Freund, mit dem ich früher an die Spiele ging, litt hie und da unter Nasenbluten.) Und ihren Höhepunkt erlebte sie in Baden im Stadion Esp. Es war beim Cup-Derby gegen Aarau. Der Linienrichter war natürliche eine Katastrophe und die Kinder-Ausgabe von mir stand ganz dicht an der Linie (wobei im Esp eigentlich jeder ganz dicht an der Linie steht). So machte ich dem Herrn in Schwarz an der Seitenlinie einige Male in sehr direkter Sprache klar, was ich von ihm hielt. Leider schenkte er mir keinerlei Beachtung. Die andern Match-Besucher dagegen schon. Und das war geil! Das verschaffte mir enorme Befriedigung. Doch dann kam ich in den Stimmbruch und mir wuchs das erste Schamhaar und plötzlich erkannte ich, dass Schieds- und Linienrichter durchaus auch Anspruch auf eine artgerechte Haltung haben. Statt «Scheiss Basel, Scheiss Xamax, Scheiss YB oder Scheiss irgendwas!» zu gröhlen, begann ich, mich aufs Spiel zu konzentrieren. Beim zweiten Schamhaar war ich zivilisiert und verstand allmählich sogar die Offside-Regel. Ich gebe zu, es ist bisweilen schwierig, trotz Bier, Bratwurst und Testosteron objektiv zu bleiben. Und doch gehöre ich seit dem dritten Schamhaar nicht mehr zu jenen, welche den Schiri auch dann noch in die 5. Liga zu verbannen drohen, wenn der eigene Spieler in japanischem Anime-Style dem Gegner in die Unterschenkel grätscht und gelb dafür sieht. Das hat alles seine Richtigkeit!</p><p>Aber Gigi Oeri und wir alle sind stolz auf diese «richtigen» Fussballfans. Diese wirklichen Kerle mit den Sonnenbrillen und dem einen Dutzend Hirnzellen. Und stimmt schon, wer möchte denn Fussballspiele sehen, in denen alle Zuschauer konzentriert (aber schweigend) den Ball verfolgen, wo man dem Gegner anerkennend auf die Schulter klopft, wenn die eigene Mannschaft grad 0:4 auf den Sack bekommen hat, wo man sich nicht so richtig über ein Offside-Goal freut, wo man sich grammatikalisch und politisch korrekt über den Spielverlauf äussert und wo man sogar den Spielleitern eine minimale Intelligenz zugesteht? Man würde sich wohl eher im Studiengang «Soziokulturelle Animation» wähnen als auf dem einzigen Schlachtfeld, das uns noch geblieben ist. Ja, mit zwölf Hirnzellen lebt es sich schwer in unserer pazifistischen Wohlfühlgesellschaft. Strecken wir daher alle unsere Nasenbeine entgegen, wenn das nächste Mal ein pubertierender, alkoholisierter oder sonst in einer Form minderbemittelter Mob auf uns zugerannt kommt. Beim Knacken und Krachen unserer Knochen dürfen wir uns als Kulturförderer verstehen. Denn wo Blut fliesst, dort fliessen auch Emotionen! Und bis in 36 Tagen soll die blanke Euphorie entfacht sein!</p>

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<p>© 2008 tschyses.ch
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      <pubDate>Thu, 01 May 2008 00:11:19 +0200</pubDate>
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      <title>Die Fünfte // 08.05.08</title>
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      <description><![CDATA[<p>Achtung, fertig, los: «R. könnte nun argumentieren, dass die Grundlage des ‹ästhetischen› Erlebens die Vorstellung eines Körpergefühls sei, die ein Erlebnis ist, dem jede fremdspezifische, auf ein ertastetes Objekt zurückgehende Wahrnehmungskomponente fehle, dass also, sofern man überhaupt von einem ‹ästhetischen› Erlebnis sprechen wolle,  ein rein ‹propriozeptiv-ästhetisches› und kein haptisch-ästhetisches Erlebnis vorliege.»</p><p>Ich kann mir nicht helfen, aber ich finde diesen Satz wunderschön! Denn man kann ihn wunderbar auf der Zunge zergehen lassen. Ja, man muss ihn nur ganz langsam (etwa so langsam wie ein Zug fährt, wenn er das Passieren eines ihm entgegenkommenden Zuges abwarten muss) lesen – am besten laut. Dadurch imponiert man nicht nur den Nachbarn, sondern eben: Dieser Satz, dieser Erguss höchst-linguistischer Erhabenheit, diese in Buchstaben gedruckte Grazie zergeht langsam und genüsslich auf der Zunge. Wie ein Erdbeer-Cornet aus der Lusso-Gefriertheke, wie ein Zandernfilet von Ivo Adam oder wie ein Tiki-Brausebonbon in der Badi. Schwieriger wird es, wenn der oben zitierte Satz noch der kürzeste und präziseste in einer 400-seitigen Ansammlung selbst-beweihrauchender Monster-Sätze ist. «Denk an den Gubrist im Feierabendverkehr!» muss ich mir dann immer wieder selber einhauchen, damit ich nicht geneigt bin, in einem Affentempo (etwa so wie der TGV zwischen Strassburg und Paris) über die Sätze und Abschnitte zu rasen. Ohne wirklich etwas vom Gelesenen aufzunehmen – ausser immerhin einer Portion guten Gewissens, dass ich mich zumindest bemühe und nicht auf YouTube herum schwadroniere. Doch laufe ich dann kurz von den Büchern weg – vielleicht um den Namen der Autorin in wildeste Flüche zu packen – so passiert es mir immer wieder, dass ich seitenlang munter weiter lese, nachdem es mir endlich gelang, mich wieder hinter die Bücher zu lotsen um dann festzustellen, dass ich eben diese Seiten bereits einmal gelesen habe. Doch auch beim zweiten Durchgang verstehe ich nur Bahnhof, so dass ich unterdessen sehr viel von Bahnhöfen verstehe und mich vielleicht bald bei der SBB bewerben sollte. </p><p>Als würde man Saatgut auf ein erodiertes Feld streuen. Woraus nun meine Diplomarbeit erblühen müsste. Eine Pflanze so hoch wie der Turm von Babylon mit Blüten so prächtig wie die Sixtinische Kapelle! Und dieses Kunstwerk: Bitte schnell! Es ist immer wieder ein elender Frust, sich Zeitrelationen zu vergegenwärtigen. So kennt man die Demokratie seit 2'500 Jahren, das Frauenstimmrecht in Appenzell Innerrhoden allerdings erst seit 18 Jahren. So gibt es schlechte Musik, seit es Barden gibt, die Firma Ohropax aber erst seit 101 Jahren. Und so begann mein Diplomsemester vor 95 Tagen mit der Begrüssung des Direktors. Doch heute, 15 Tage vor Abgabe, ist von meiner Arbeit noch immer nicht mehr zu sehen als von der Stadt Rom am Tag der Geburt von Remus und Romulus. Man könnte jetzt in Hysterie verfallen. Wie ein 50er-Jahre-Groupie an einem Elvis-Konzert. Doch das ist ein schlechtes Rezept, alles Kreischen hilft nicht weiter! Erlösung verspricht einzig das Töggel-Geräusch meiner Laptop-Tastatur. Nur noch 40'000 Zeichen und die Euro kann beginnen!</p>

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<p>© 2008 tschyses.ch
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